Luhmanns Ehepaar

Luhmann, bekanntlich oftmals als Konservativer abgestempelt, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil eines konservativen Denkers. Nur ein Beispiel: Foucaults berühmte Wette, dass „der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht aus Sand“ (Foucault, Die Ordnung der Dinge, in: ders., Die Hauptwerke, FfM 2008, S. 463), löst Luhmann, vielleicht hundert Jahre seiner Zeit voraus, bereits ein und destruiert gleichsam die überkommene Demarkation zwischen Mensch und Tier. Dass er dennoch als Konservativer abgestempelt wird, reizt zur Koketterie, um die Kritik zu forcieren, ihr insgeheim in die Karten zu spielen, um sich dann über ihr gnadenloses Missverständnis amüsieren zu können. Eine derartige Verschmitztheit würde Luhmann nur recht stehen. Gegenstand der Koketterie ist in nicht wenigen seiner Werke offensichtlich ein Ehepaar mit klarer, gut konservativer Rollenverteilung. In Die Moral der Gesellschaft behandelt Luhmann das Erwarten von Erwartungserwartungen, also das dreistufige Reflexivwerden der Erwartung. „Luhmanns Ehepaar“ weiterlesen

Männlichkeit und Selbstbeherrschung

Wenn man die soziale Welt als ausdifferenzierte Sphäre betrachtet und Klassenbildungen von Herrschenden und Beherrschten beschreibt und diese auf die Geschlechter überträgt, so werden Männer als die Beherrscher und Frauen als die Beherrschten der sozialen Welt erachtet. Man kann nun beschreiben, wie Frauen Konkurrenznachteile in Kauf nehmen müssen und soziale Kämpfe, Güter- und Wertaushandlungsprozesse in der Regel zugunsten der Männer ausgehen. Hier manifestieren sich feministische Positionen, die jedoch vergessen, dass die Männer zwar die Herrscher der sozialen Welt sind, dass sie aber gleichsam zu schweigenden Opfern ihrer eigenen symbolischen Gewalt werden. Es sind die Männer mehr noch als die Frauen, welche emanzipiert werden müssen – nicht gegenüber letzteren, sondern gegenüber sich selbst. Dessen sind sich die Männer freilich nicht bewusst, jedoch verschärft dies ihre ideologische Gefangenschaft umso mehr. Sie sind gefangen in den Verhaltensgesetzen, welche sie sich selbst geschaffen haben, welche sie in einem ewigen, scheinbar unabänderlichen, naturgegebenen Kreislauf reproduzieren und inkorporieren. „Männlichkeit und Selbstbeherrschung“ weiterlesen

Der Alleswisser

Der Alleswisser ist eine Person speziellen Charakters. Er befindet sich in der Regel in einem höheren Fachsemester eines bestimmten Studienfachs, zumeist Philosophie, Informatik oder Jura. Obgleich ein Fachidiot, so fühlt sich der Alleswisser – es handelt sich dabei immer um Männer – in gleich welchem wissenschaftlichen Diskurs zuhause. Er akzeptiert keine disziplinäre Verengung seines Wissens. Allein die Tatsache, dass er durch die akademischen Aufwendungen für sein eigentliches Studienfach semantische Verkomplizierungsstrategien erlernt und sich einen kleinen Pool an Fremdwörtern, Autorennamen, Ismen und Argumentationsfiguren angeeignet hat, verleitet ihn zu dem Glauben, dass er damit zum automatischen Teilnehmer an beliebig vielen weiteren wissenschaftlichen Diskursen und Debatten wird, in denen er mit harten Überzeugungen auftreten darf. Dies tut er jedoch freilich nicht im eigentlichen Umfeld des Faches, sondern vor einem ahnungslosen, fachfremden Publikum, welches die intellektuelle Unredlichkeit des Alleswissers nicht recht erkennt. Tatsächlich charakterisiert den Alleswisser jedoch eine ausgeprägte Respektlosigkeit gegenüber wissenschaftlicher Forschung. Weil er meint, sich ein Fachgebiet durch das Lesen von ein oder zwei Papern zur Gänze erschlossen zu haben, verkennt er die eigentliche Komplexität, mit welcher die Wissenschaften die Dinge überziehen. Doch der große Auftritt, das Vorführen sprachakrobatischer Kunststückchen ist dem Alleswisser alles. Ihm geht es, wie Hochstaplern generell, um das Ergaunern von Anerkennung durch geschickte Eindrucksmanipulation beim Publikum. Die tatsächlichen Forschungsleistungen, welche in unzähligen Gebieten in aufwendiger Arbeit unter Beisteuerung von millionenschweren Drittmitteln bereits erbracht worden sind, interessieren den Alleswisser freilich nicht. Er hat nicht die Mittel, sich in die Forschung wirklich einzuarbeiten. Es bleibt beim Theater der Sprache.

„Was ich die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen.“ (Popper, Wider die großen Worte, in: Die Zeit, Nr. 39, 1971, S. 8)

Konstruktivistische Irrungen

Klassisch pflegt man die Vorstellung einer Realität, welche „hinter“ der Sprache, der Erkenntnis, den Vorstellungen liegt. Was als Außenwelt verhandelt wird, muss jedoch eingeholt werden als Hilfskonstrukt, um Zirkelschlüsse zu vermeiden. Über den Weg der Introspektion wird man nicht weiter kommen als zu dem Schluss, dass das Erkennen nicht selbst erkannt werden kann. Bei der Frage nach der Selbstbegründung des Erkennens setzt der Konstruktivismus an, indem er für eine „Ent-Ontologisierung“ der Realität votiert. Dies wird über die Einführung von Nichtanwendungsgeboten der Unterscheidung Sein/Nichtsein vollzogen. Und plötzlich sieht man, dass Erkenntnis – wenngleich nicht beliebig – produziert werden kann. Kommunikation, gerade jene massenmedialer Provenienz, wird eine wirklichkeitskonstitutive Funktion zugeschrieben. Es gibt nicht mehr „die“ Realität, sondern nur noch differente Realitätsbeschreibungen. Die Konfrontation mit bestimmten Realitätsbeschreibungen führt zu bestimmtem Wissen und bestimmtem Nichtwissen. Man kann dann auf die Idee kommen, sich bestimmten Realitätsbeschreibungen, etwa solchen, welche von Grausamkeiten handeln, gegenüber zu verwahren. Vermeidungs- oder Abwehrhaltungen können aufgefahren werden, um Nahkonfrontationen gefürchteter Realitätsbeschreibungen ausschließen zu können. Ein solcher Effekt macht sich insbesondere in solchen Fällen bemerkbar, in welchen Gewalt gezeigt oder beschrieben wird. Man wendet sich ab oder hält sich die Augen zu. Wer tapfer ist, schaut dann doch hin, um dann aber zu bemerken: „Wenn ich mir das weiter ansehe, kann ich kein Schweinefleisch mehr essen.“ Aber man kommt nicht umhin, die Naivität dieses Gestus zu bemerken. Schließlich muss, wer sich abwendet, ja schon Kenntnis darüber erlangt haben, dass man sich abwenden müsse. Wer sich abwendet, weiß bereits genug. Realität entsteht aus der Vermeidung von Konsistenzproblemen, also aus dem Widerstand von Kommunikation gegen Kommunikation. Abwendungsbewegungen resultieren aus der Erfahrung dieses Widerstandes, aus erfahrenen Realitätsindikationen, deren volle „Breitseite“ man jedoch nicht zu spüren bekommen will. Schließlich will man beispielsweise eigene Gewohnheiten beibehalten und sich der Kritik daran erwehren können. Vorwürfe, dass man sich durch bestimmte Verhaltensweisen schuldig mache, können so als unzutreffend abgewiesen werden, ohne dass wirksame Selbstkorrekturmechanismen einsetzen.

Neue Webseite

Nach ein bisschen Bastelei ist sie nun fertig, die eigene Webseite. Sinn und Zweck des Ganzen ist nicht nur, dass ich dadurch mehr über die Funktionsweise der „Maschinenräume“ des Internets lerne, sondern auch, eine Art Archiv über einen Teil meiner Tätigkeiten zu haben. Ergänzt wird das Ganze durch einen Blog, den ich ab und an mit Inhalten bespielen werde, sowie ein paar Beiträge über aktuelle Ereignisse.

Luhmanns Humor

„Der gag [sic!] heiligt die Mittel […].“ (Luhmann, Soziale Systeme, FfM 1984, S. 459, Fn. 164) Gerade weil die systemtheoretische Tätigkeit ein recht nüchternes Sprachspiel bildet, blitzt der Humor in ihm umso mehr auf. Auf diesen kontextbedingten Effekt muss ich an dieser Stelle verzichten, da ich nur einzelne Textpassagen, in denen ein Gag kulminiert, zitieren kann. Luhmann merkt gleichsam an, dass Witz solidarisierend wirken kann dadurch, dass

„er heimliche Verständnisvoraussetzungen, also Bewußtsein in Anspruch nimmt, ohne daraus soziale Strukturen zu bilden. Eben deshalb ist dafür die Form des Einzelereignisses unerläßlich: Ein Witz muß neu sein und unwiederholbar. Er muß überraschen, darf aber nicht belehren. Er muß, obwohl er Bewußtsein komplex in Anspruch nimmt, rasch kapiert werden können, so daß er als Ereignis gemeinsam aktualisiert werden kann, ohne daß Konsens über Anzuschließendes gebildet werden muß. Er aktualisiert also die Sozialdimension, ohne sie kommunikativ zu thematisieren. Er bindet nicht. Er schneidet jede weitere Kommunikation, jede Rückfrage, jede Bemühung um weitere Erläuterung drastisch ab dadurch, daß er die Form einer Paradoxie wählt. Daß der Witz diese Stoßrichtung auf soziale Latenzen hat, läßt sich im übrigen auch daran ablesen, daß Witze auf Kosten Anwesender, das heißt auf Kosten des Bewußtseins, verboten sind – eine Norm, deren explizite Form weit in die Geschichte der Konversationsliteratur zurückverfolgt werden kann.“ (ebd.)

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