Männlichkeit und Selbstbeherrschung

Wenn man die soziale Welt als ausdifferenzierte Sphäre betrachtet und Klassenbildungen von Herrschenden und Beherrschten beschreibt und diese auf die Geschlechter überträgt, so werden Männer als die Beherrscher und Frauen als die Beherrschten der sozialen Welt erachtet. Man kann nun beschreiben, wie Frauen Konkurrenznachteile in Kauf nehmen müssen und soziale Kämpfe, Güter- und Wertaushandlungsprozesse in der Regel zugunsten der Männer ausgehen. Hier manifestieren sich feministische Positionen, die jedoch vergessen, dass die Männer zwar die Herrscher der sozialen Welt sind, dass sie aber gleichsam zu schweigenden Opfern ihrer eigenen symbolischen Gewalt werden. Es sind die Männer mehr noch als die Frauen, welche emanzipiert werden müssen – nicht gegenüber letzteren, sondern gegenüber sich selbst. Dessen sind sich die Männer freilich nicht bewusst, jedoch verschärft dies ihre ideologische Gefangenschaft umso mehr. Sie sind gefangen in den Verhaltensgesetzen, welche sie sich selbst geschaffen haben, welche sie in einem ewigen, scheinbar unabänderlichen, naturgegebenen Kreislauf reproduzieren und inkorporieren.

„Wenn die Frauen, die einer Sozialisationsarbeit unterworfen sind, welche auf ihre Herabsetzung und Verneinung zielt, eine Lehre negativer Tugenden wie Selbstverleugnung, Resignation und Schweigen durchmachen, sind die Männer gleichfalls Gefangene und auf versteckte Weise Opfer der herrschenden Vorstellung. Denn genau wie die weiblichen Dispositionen zur Unterwerfung sind auch die Dispositionen, die die Männer dazu bringen, die Herrschaft zu beanspruchen, nichts Naturwüchsiges. Auch sie müssen erst in einer langwierigen Sozialisationsarbeit, d.h., wie man gesehen hat, einer Arbeit der aktiven Unterscheidung in Bezug auf das andere Geschlecht, konstruiert werden.“ (Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005, S. 90)

Männer durchlaufen eine Sozialisation ihres Körpers und ihrer Sprache. Die Haltung des Kopfes, der feste Gang, das Aufrichten der Brust, das Abstellen der Arme etc. sind darauf ausgelegt, in den nonverbalen Konkurrenzkämpfen der sozialen Welt die Oberhand zu behalten. Der ständige Zwang, anerkannt, respektiert oder gar bewundert werden zu müssen, setzt Männer einem inneren Stress, einer inneren Anspannung aus, über welcher sie einerseits vergessen, dass überhaupt auch die Möglichkeit besteht, dass die inkorporierten Verhaltensgesetze auch verletzt und durchbrochen werden können, und durch welche sie andererseits zu trivialen Figuren des krampf- und zwanghaften Strebens nach Anerkennung degradiert werden. Männlichkeit in diesem Sinne ist eine unbewusst getragene Bürde. Wer nicht wirklich ein kleines Stückchen Ruhm einstreicht, welches in den öffentlichen Kleinarenen der Nahwelt und den Großarenen der Massenmedien verteilt wird, der versucht angestrengt, es sich zu ergaunern. Das Verlangen nach ausgeprägter Muskulatur, der ständige prüfende Blick in den Spiegel, das Richten der Haare, die antrainierte Grimasse, das sich Verbieten von Rührung und Mitleid, das Übertreiben, die verstiegene Selbstsicherheit, das Imponiergehabe etc. – all diese Aufwendungen zur Entsprechung der Verhaltensgesetze machen Männer in hohem Maße verwundbar.

„So trägt alles dazu bei, aus dem unmöglichen Ideal der Männlichkeit das Prinzip einer außerordentlichen Verletzlichkeit zu machen. Paradoxerweise führt gerade sie zur bisweilen verbissenen Investition in die männlichen Gewaltspiele, wie in unseren Gesellschaften den Sport und ganz speziell diejenigen Formen, die sich wie die Kampfsportarten am besten dazu eignen, die sichtbaren Merkmale der Männlichkeit hervorzubringen und die sogenannten männlichen Eigenschaften unter Beweis und auch auf die Probe zu stellen.“ (Ebd., S. 93 f.)

Männer sind getrieben von der Angst, mit Eigenschaften des Weiblichen oder des Tieres identifiziert zu werden. Über das Fleischessen rückversichern sie sich, Jäger zu sein, auch wenn die typisch adipöse Konstitution signalisiert, dass dies nicht stimmen kann. Sie dürfen sich der Gewalt am Tier gegenüber nicht sensibel zeigen. Härte wird zum Pflichtprogramm. Der entschlossene Mut zur Gewalt oder der Mut, zu Gewalt zu stehen aber rührt im Grunde aus nichts anderem als der Feigheit, sich nicht mehr in der schützenden und doch unterdrückenden Ideologiesphäre des Männlichen wiederfinden zu können.