Religion und Therapie

Man spricht des Öfteren vom Zerfall der Religionen. Man wähnt, einen globalen sozialen Wandel erkannt zu haben. Doch das Phänomen wird falsch verortet. Richtig wäre, den Zerfall der Religionen zu lozieren allein dort, wo Therapiesysteme expandieren. Andernorts wäre es, allen Beobachtungen zufolge, wohl eher angemessen, von einem Erstarken der Religionen zu reden. Therapeutische Verfahren jedoch lösen dort, wo sie zur Anwendung kommen, religiöse Praktiken des strategischen Identitätsmanagements ab. Sie lösen die religiös institutionalisierten Selbstthematisierungsmodelle ab. Dabei bleibt die funktionale Ausrichtung der Systeme freilich gleich. Beiden, den Religionen als auch den Therapieverfahren, geht es darum, sich um den psychischen Leidensdruck zu „kümmern“ bei Personen, welche nicht imstande sind, diesen Leidensdruck mit eigenen Mitteln zu verwalten. In den Religionen ist vom Seelenheil der Gläubigen die Rede – in der Therapie vom psychischen Wohlergehen der Patienten. Beides, Seelenheil sowie psychisches Wohlergehen wird erlangt durch die Vermittlung bestimmter Narrative, welche eine alternative Formatierung der eigenen Identität ermöglichen. Die Identität einer Person lässt sich als die erzählende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ verstehen. (Vgl. Keupp, Identitätsarbeit als Lebenskunst – Ein Perspektive für die psychosoziale Beratung, in: Nestmann; Engel (Hrsg.), Die Zukunft der Beratung, Tübingen 2002, S. 63) Auf die Frage „Wer bin ich?“ geben Religionen und Therapien freilich stark divergierende Antworten. Niemand wird allerdings ernsthaft bestreiten wollen, dass die Antworten der Therapieprogramme in der Regel um Längen elaborierter sind als die Antworten der Religionen. Während die Religionen etwa mit primitiven Sündenverwaltungsmodellen arbeiten, arbeiten die Therapien mit Modellen des möglichst intelligenten Emotionsmanagements.

„Psychologen wuchsen in vielen Bereichen des sozialen Lebens in die Rolle mächtiger Gesetzgeber hinein, weil sie symbolische ‚Werkzeuge‘ und Kategorien im Angebot hatten, die Abhilfe gegen die Mehrdeutigkeiten und Widersprüche der Moderne versprachen.“ (Illouz, Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe, Frankfurt am Main 2009, S. 103)

Das moderne, desorganisierte Selbst erfährt sozial konstruierte Steuerungskrisen der eigenen Lebensführung, zu deren Auflösung es, anstatt sich in die Obhut der Kirche zu begeben, auf die weitaus verlässlicheren kommunikativen Instrumente der Dienstleistungsschicht der Therapeuten zurückgreift, um Brüche in der narrativen bzw. biografischen Selbstdarstellung in den Griff zu bekommen.  So etablieren sich Therapeuten langsam aber sicher zur primären sozialen Steuerungsinstanz über persönliche Gefühlslagen, während Geistliche zu verkappten Sozialarbeitern und zu unzeitgemäßen Zeremonienmeistern degradiert werden.