Sadismus und Männlichkeit

Männliche Härte im Spannungsfeld zwischen Naturtatsache und kultureller Performanz wird, in „Unterschichten“ zuvörderst, unter Authentizität verbucht unter Absehung freilich kultureller oder milieubedingter Konfigurationen. Die männliche Identität ist umso mehr Effekt diskursiver Praktiken, je mehr sie auf Naturwüchsigkeit beharrt. Aus der Hegemonie dieses Diskurses entsteht eine gefährliche, „phallogozentristische“ Praxis, die, so möchte man sagen, die Übel dieser Welt beherbergt.

„Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der – wie die Psychologie dartat – mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen Schmerz und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen mußte.“ (Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: Heydorn; Simonsohn; Hahn; Hertz (Hrsg.), Zum Bildungsbegriff der Gegenwart, FfM 1967, S. 117)

Die Rache ist unbewusst. Weil die Verwerfungen der eigenen Psyche missachtet und verdrängt werden, kann die nonverbale wie verbale Kommunikation von Emotionen anderer auch nicht gedeutet werden. Fehlende Selbstwahrnehmung verhindert Empathie als Fremdwahrnehmung (vgl. Goleman, Emotionale Intelligenz, München 1996, S. 127). Schon die Gründerväter der Soziologie analysierten unter verschiedenen Vorzeichen eine weithin herrschende „soziale Kälte“, welche vornehmlich auf Rationalisierungsprozesse auf dem Gebiet der Technik und der Ökonomie zurückgeführt werden, welche einen wichtigen Teil der Lebensideale der modernen – männlichen! – bürgerlichen Gesellschaft ausmacht (vgl. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ders., Religion und Gesellschaft, FfM 2010, S. 57). Adorno ging so weit, dass er die soziale Kälte anthropologisch fundierte.

„Wohl sind ein paar Worte über Kälte überhaupt erlaubt. Wäre sie nicht ein Grundzug der Anthropologie, also der Beschaffenheit der Menschen, wie sie in unserer Gesellschaft tatsächlich sind; wären sie also nicht zutiefst gleichgültig gegen das, was mit allen anderen geschieht außer den paar, mit denen sie eng und womöglich durch handgreifliche Interessen verbunden sind, so wäre Auschwitz nicht möglich gewesen, die Menschen hätten es dann nicht hingenommen.“ (Adorno, ebd., S. 120)

Weniger als ein „Grundzug der Anthropologie“ hätte die soziale Kälte als Grundzug des Männlichen charakterisiert werden können, wobei man sich derart freilich zu Schulden kommen lässt, sie wenigstens theoretisch zu perpetuieren. Doch soziale Tatsachen sprechen eine eindeutige Sprache; dem Männeranteil von 80 Prozent etwa in den Ingenieurswissenschaften steht ein Männeranteil von 32 Prozent in den Sozialwissenschaften gegenüber; 90 Prozent aller Körperverletzungen werden von Männern begangen; mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer ernähren sich vegetarisch und so weiter. Trotz postmoderner, „metrosexueller“ Diskursformationen reproduziert sich der (latente) Sadismus des Männlichen. Wie ist das – psychoanalytisch – zu erklären? Lacan als auch Adorno und Horkheimer haben unabhängig voneinander im Rückgriff auf Kant und Sade Erklärungen gesucht. Lacan interpretiert bekanntlich Sades La Philosophie dans le boudoir ou Les Instituteurs immoraux als sublime Reaktionsbildung auf Kants Moralphilosophie (vgl. Lacan, Kant mit Sade, in: ders., Schriften II, Olten 1975, S. 133 ff.). Der kategorische Imperativ appräsentiert die Grausamkeit, gegen die er sich eigentlich wendet. Ohne die Philosophischen Fragmente zu kennen, laufen Lacans Ausführungen auf Aussagen hinaus, welche gleichsam in der Dialektik der Aufklärung getroffen werden. Das triumphale Unheil, in dem, wie Adorno und Horkheimer dies formulieren, die vollends aufgeklärte Welt erstrahlt, ergibt sich aus der Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord abzuleiten. Sade hat dies „in alle Welt geschrien“ (Adorno; Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1949, S. 142). Rationalität, Mord und Begierde gehen bei Sade eine enge Verbindung ein. Seine Helden der 120 Tage von Sodom sind ebenso sehr Bürokraten wie Lüstlinge. Die Sadisten Sades sind, glaubt man Lacan, Kantianer, nämlich die gnadenlosen Vollstrecker des in der Kritik der praktischen Vernunft entworfenen moralischen Quasinaturgesetzes. Lacan beschreibt den Vollstrecker des kantischen Sittengesetzes als Sadeschen Henker. Nach Žižek muss man dabei zwischen drei Elementen unterscheiden:

„Dem Urheber des sittlichen Gesetzes, dem Subjekt, das diesem Gesetz gehorcht bzw. gehorchen muß, und demjenigen, der das Gesetz ausführt und in dem Lacan die Züge des sadeschen Henkers bzw. Folterknechts erkennt. Das Problem ist nicht die Identität von Autor und Subjekt des Gesetzes; tatsächlich sind beide miteinander identisch, tatsächlich ist das Subjekt autonom in dem Sinne, daß es seinem/ihrem eigenen Gesetz gehorcht. Das eigentliche Problem beruht auf der supplementären Figur des Vollstreckers/Henkers des Gesetzes, die sich einschaltet und zwischen dem Subjekt als dem Autor des Gesetzes und dem Subjekt als dem Subjekt des Gesetzes vermittelt.“ (Žižek, Die gnadenlose Liebe, FfM 2001, S. 171)

Der Henker überbrückt die Kluft zwischen transzendentalem Gesetz und Wirklichkeit. Das Subjekt des Sittengesetzes wird im Namen des eigens auferlegten Gesetzes drangsaliert – so die Analyse. Nicht bedacht wird, dass freilich der Henker selbst das Sittengesetz verletzt, wobei die Frage im Raum steht, wer dies wiederum sanktioniert. Dennoch ist die Umkehrung des Gesetzes diesem inhärent. Unter Abstraktion verbleibt der, wenn man so will, pure Wille, dem, was man will oder gesetzestreu wollen muss, bedingungslos nachzugehen. Der Sadesche Imperativ „Genieße!“ ist dabei genauso willkürlich im Grunde wie die von Kant ausformulierte Forderung des moralischen Gesetzes. Beide, sowohl die Sadisten der 120 Tage von Sodom, als auch das kantische ethische Subjekt rechtfertigten ihre letzten Pflichten und Gesetze nicht. Der Herzog von Blangis etwa argumentiert:

„[…] es ist die Natur, von der ich meine Neigungen empfangen habe, und ich werde sie nicht verwirren, indem ich ihr widerstrebe, wenn sie mir schlechte Neigungen gegeben hat, die so geworden sind, weil es für ihre Absichten nötig war. Ich bin in ihrer Hand nur eine Maschine, die sie nach ihrem Belieben bewegt, und jedes meiner Verbrechen dient ihr; je mehr Verbrechen sie mir rät, desto mehr hat sie offenbar nötig, ich wäre ein Dummkopf, ihr darin zu widerstreben.“ (Sade, Die 120 Tage von Sodom, München 1974, S. 15)

Der Herzog steht paradigmatisch für eine im Sinne Kants aufgeklärte Figur, welche ihren Verstand „ohne Leitung eines anderen“ (Kant, Was ist Aufklärung, Hamburg 1999, S. 20) bedient.

„Für Sade ist Aufklärung nicht so sehr ein geistiges wie ein soziales Phänomen. Er trieb die Auflösung der Bande, die Nietzsche idealistisch durch das höhere Selbst zu überwinden wähnte, die Kritik an der Solidarität mit Gesellschaft, Amt, Familie, bis zur Verkündigung der Anarchie. Sein Werk enthüllt den mythologischen Charakter der Prinzipien, auf denen nach der Religion die Zivilisation beruht: des Dekalogs, der väterlichen Autorität, des Eigentums. Es ist genau die Umkehrung der Gesellschaftstheorie, die Le Play nach hundert Jahren ausgesponnen hat. Jedes einzelne der Zehn Gebote erfährt den Nachweis seiner Nichtigkeit vor der Instanz der formalen Vernunft. Sie werden ohne Rest als Ideologien nachgewiesen. Das Plädoyer zu Gunsten des Mordes hält der Papst auf Juliettes Wunsch hin selbst.“ (Adorno; Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Amsterdam 1949, S. 139)

Die Begeisterung für Mord und Folter und die dabei behilflichen Apparate teilen die „Wüstlinge“ Sades mit dem Offizier der Strafkolonie Kafkas. Bei Kafka hingegen wird die Verbindung von Folter und Gesetz, die Lacan und im Anschluss Žižek unter Rückgriff auf Kant und Sade analysieren, explizit. Die Exekution des Soldaten, welcher der Forschungsreisende beiwohnt, ist rechtens und Unrecht zugleich. Gesetz und Maschine fordern Prinzipientreue. Der Offizier befreit gar den Soldaten und legt sich selbst in die Maschine – das Ertragenkönnen wird, wie Adorno schreibt, desgleichen bei Kafka zum „Deckbild des Masochismus“, die männliche Härte gegen sich selbst jedoch gerät außer Kontrolle.

„Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen, möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbar Mord.“ (Kafka, In der Strafkolonie, in: ders., Sämtliche Werke, FfM 2008, S. 841)