Sauberer Sport und hybride Athleten

Offensichtlich flächendeckendes Doping im Leistungs- und Hochleistungssport kann die Forderungen nach einem „sauberen“ Sport nicht eindämmen. Auf die Differenz von „sauberem“ und „unsauberem“ Sport wird der Moralcode gut/schlecht appliziert. Nur ein Sport, welcher als „sauber“ gilt, darf damit rechnen, weiterhin von Sponsoren, Medien und großen Publikumsmassen getragen zu werden. Doch hinter der Ideologie des „sauberen“ Sports steckt ein Ensemble von Denkschemata, welche – gelinde gesagt – als unzeitgemäß gelten dürfen. Längst zieht sich ein Netz von Assoziationen zwischen Mensch und Medizin bzw. Mensch und Chemie durch die Gesellschaft, welches die Kategorie des Humanen überhaupt in Frage stellt. Die einfache, komplexitätsreduzierende Grenzziehung zwischen der ontologischen Zone des Menschen und der ontologischen Zone des Nicht-Menschlichen ist längst aufgebrochen. Und gerade im Sport ist das posthumane Zeitalter lange schon angebrochen. Der Hochleistungssport ist kein Wettkampf, in welchem humane Akteure gegeneinander antreten. Vielmehr konkurrieren hybride Athleten, also Mischwesen mit menschlichen, medizinischen, chemischen und technischen Anteilen. Und man darf nicht glauben, es ließen sich Zugangs- oder Reinigungsbedingungen für den Großzirkus Sport etablieren, welche nur „saubere“, rein humane Akteure passieren könnten. Dopingkontrollen können zwar die Bedingungen, unter denen das Sportsystem Siege und Niederlagen prozessiert, erschweren, aber sie können es nicht „säubern“. Die Antidopingbehörden sind letztlich Parasiten, welche nicht unmittelbar am System Sport partizipieren – schließlich hat noch keine Antidopingbehörde Siege produziert -, aber dennoch von dessen Kapitalgewinnen zehren möchten. Um den „sauberen“ Athleten geht es dabei schon lange nicht mehr, denn hinter der Idee vom „sauberen“ Sportler, welcher durch Nudeln und Energydrinks seine Leistung bringt, lauern die hybriden Athleten. Während über die Massenmedien die Vorstellung vom „sauberen“ Sport aufrechterhalten wird und positive Dopingtests oder einfach nur Spekulationen über Dopingpraktiken im Modus der Amplifikation über Skandalisierungen und Moralisierungen über weite Bereiche der Gesellschaft hin – mit entsprechenden Halbwertszeiten – kommuniziert werden, sind in anderen Bereichen die Hybride, die Mischwesen aus Natur, Kultur und Technik längst etabliert. Man denke, um nur einig evidente Beispiele zu nennen, an künstlich intelligente Software, generell an die Robotik, an die Genmanipulation vor allem der Nahrung, an Xenotransplantationen, an Neuro-Enhancer, an Viren und Mikroben oder an das Ozonloch, den Klimawandel oder Umweltkatastrophen (vgl. Belliger; Krieger (Hrsg.), ANThology, Bielefeld 2006). Trotz der Vielzahl der Hybriden sträubt man sich davor, die kollektiven Illusionen gereinigter, „sauberer“ Felder aufzugeben. So soll das „Natürliche“ des sportlichen Wettkampfes nicht von bestimmten chemischen Wirkstoffgruppen interveniert werden. Aber zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. Letztlich sind es vor allem die Massenmedien, welche sich nicht bereit erklären, die Trennungslinien neu zu verhandeln. Zu wirkungsvoll lassen sich Grenzverletzungen der Trennung zwischen humanen Akteuren und nicht-humanen Entitäten massenmedial verarbeiten. Die hybriden Athleten jedoch zwingt dies zur ständigen Selbstverleugnung.