Zur Soziologie des Hochstapelns

„Der Imperativ: ‚Du mußt dein Leben ändern!‘ impliziert […]: sich selbst an die Hand nehmen, um aus dem eigenen Dasein einen Gegenstand der Bewunderung zu formen.“ (Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main 2009, S. 512)

„Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, daß ich aus edlerem Stoffe gebildet oder, wie man zu sagen pflegte, aus feinerem Holz geschnitten war als meinesgleichen, und ich fürchte dabei durchaus nicht den Vorwurf der Selbstgefälligkeit.“ (Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt am Main 1954, S. 18)

In Gesellschaften, in denen alles damit beginnt, dass jeder auf den eigenen Vorteil bedacht ist, und es damit endet, dass man nur noch in der Weise der Verdrängungs- und Vernichtungskonkurrenz handelt, scheint es nur naheliegend, dass nah- sowie außerlebensweltliche Beziehungen, und zwar im Besonderen jene zwischen Männern, ein stetes, gegenseitiges Abtasten darstellen. Es gibt gewissermaßen stillschweigend ablaufende Prüf- und Taxierungsroutinen, welche alle Personen, mit denen interagiert wird, in relevanten, variablen Kriterien evaluieren und auf einer Vertikalskala zwischen einem attraktiven Oben- und einem verächteten Unten-Pol verzeichnen. „Zur Soziologie des Hochstapelns“ weiterlesen

Der Alleswisser

Der Alleswisser ist eine Person speziellen Charakters. Er befindet sich in der Regel in einem höheren Fachsemester eines bestimmten Studienfachs, zumeist Philosophie, Informatik oder Jura. Obgleich ein Fachidiot, so fühlt sich der Alleswisser – es handelt sich dabei immer um Männer – in gleich welchem wissenschaftlichen Diskurs zuhause. Er akzeptiert keine disziplinäre Verengung seines Wissens. Allein die Tatsache, dass er durch die akademischen Aufwendungen für sein eigentliches Studienfach semantische Verkomplizierungsstrategien erlernt und sich einen kleinen Pool an Fremdwörtern, Autorennamen, Ismen und Argumentationsfiguren angeeignet hat, verleitet ihn zu dem Glauben, dass er damit zum automatischen Teilnehmer an beliebig vielen weiteren wissenschaftlichen Diskursen und Debatten wird, in denen er mit harten Überzeugungen auftreten darf. Dies tut er jedoch freilich nicht im eigentlichen Umfeld des Faches, sondern vor einem ahnungslosen, fachfremden Publikum, welches die intellektuelle Unredlichkeit des Alleswissers nicht recht erkennt. Tatsächlich charakterisiert den Alleswisser jedoch eine ausgeprägte Respektlosigkeit gegenüber wissenschaftlicher Forschung. Weil er meint, sich ein Fachgebiet durch das Lesen von ein oder zwei Papern zur Gänze erschlossen zu haben, verkennt er die eigentliche Komplexität, mit welcher die Wissenschaften die Dinge überziehen. Doch der große Auftritt, das Vorführen sprachakrobatischer Kunststückchen ist dem Alleswisser alles. Ihm geht es, wie Hochstaplern generell, um das Ergaunern von Anerkennung durch geschickte Eindrucksmanipulation beim Publikum. Die tatsächlichen Forschungsleistungen, welche in unzähligen Gebieten in aufwendiger Arbeit unter Beisteuerung von millionenschweren Drittmitteln bereits erbracht worden sind, interessieren den Alleswisser freilich nicht. Er hat nicht die Mittel, sich in die Forschung wirklich einzuarbeiten. Es bleibt beim Theater der Sprache.

„Was ich die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen.“ (Popper, Wider die großen Worte, in: Die Zeit, Nr. 39, 1971, S. 8)