Zur Linguistik des Furzes

Der Furz ist ein hochsoziales Phänomen. Zu prüfen wäre, inwiefern er sich als anales Derivat zur oralen Lautproduktion kommunikationstheoretischen Kategorien fügt.  Sloterdijk, einer der ganz wenigen, der eine linguistische Situierung des Furzes wagt, wenn auch nur auf ein paar Zeilen, schreibt:

„Semiotisch rechnen wir den Furz in die Gruppe der Signale, also der Zeichen, die weder etwas symbolisieren noch abbilden, sondern Hinweise auf einen Umstand geben.“ (Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt am Main 1983, S. 287)

Der Furz ist ein Grenzphänomen, welches sowohl als reines biologisches Körperverhalten verstanden werden kann als auch als bedeutungsvages Signal. Er ist ein signifikanter Auslöser des Verhaltens anderer. Zumeist geht es dann um eine kommunikative Verfeinerung des Geschehenen. In Sekundenbruchteilen klärt sich, ob der Furz in humoristischer Absicht getätigt wurde oder doch als peinliches Unterfangen klammheimlich übergangen werden sollte. Wird der Furz zu humoristischen Zwecken eingesetzt, besitzt er eine intentionale Dimension – im Gegensatz zur Nicht-Intentionalität des rein biologischen Körperverhaltens – und einen an sich klaren Informationswert. Geübte Furzer mit analverbalen Kompetenzen – Personen mit häufigem Meteorismus dürften hier privilegiert sein – provozieren eine situationsgerechte Platzierung der Flatulenz. Der „Spaßfurzer“ legt Einspruch gegen die zivilisatorische Abspaltung und Exilierung der „niederen“, „animalischen“ Körperfunktionen ein. „Zur Linguistik des Furzes“ weiterlesen

Reden und Schweigen

„Du verläßt die Universität. Du gehst zu einer Dinnerparty. Es gibt eine Gesprächspause. Schnell, irgendwer, sage etwas, irgend etwas, bevor eine angsterregende Realität Platz greift. Schnell, vertusche sie, lenke uns ab von ihr, lasse die Unterhaltung weitergehen.“ (Spencer-Brown, Dieses Spiel geht nur zu zweit, Soltendieck 1994, S. 94)

Woher diese Angst vor dem Schweigen? Genau genommen geht mit dem Schweigen die Unterhaltung weiter. Watzlawicks erstes Axiom (vgl. Watzlawick, Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien, Bern 1969) besagt es; man kann nicht nicht kommunizieren – auch wer schweigt, kommuniziert. Auch Schweigen ist Verhalten, und man kann sich nicht nicht verhalten. Und Schweigen kann nur, wer kommunizieren könnte. Das eine ist nicht ohne seine Gegenseite denkbar. „[…] kontrollieren kann sein Sprachverhalten nur, wer auch schweigen kann.“ (Luhmann, Soziale Systeme, FfM 1984, S. 209) Während aber das Schweigen bzw. die nicht-sprachliche Kommunikation etwa in Intimbeziehungen ein funktionierendes reziprokes Wechselspiel von idiosynkratischer Weltbestätigung, ein funktionierendes Wechselspiel ständigen Schonverständigtseins und damit eine funktionierende Liebesbeziehung andeutet, wirkt es in nicht-intimen Gesprächssituationen unter Anwesenden als Störfaktor. „Reden und Schweigen“ weiterlesen

Moral am Limit

Das Reflexivwerden der Moral nennt sich Takt. Takt besitzt, wer Moralisierungen reflektiert und auf ihr mögliches Konfliktpotential und auf Konfliktrisiken hin abtastet, sodass Konflikte durch Takt eingedämmt werden. Takt spielt demnach immer nur eine Rolle in der Interaktion Anwesender. Alsbald moralische Kommunikation nicht mehr zwischen Ego und Alter stattfindet, sondern zwischen Ego und Tertius das Verhalten Alters mit einer eigentümlich unbelasteten Vertrautheit moralisiert wird, kann Takt durch Opportunismus eingetauscht werden. Auch so werden Konfliktrisiken eingedämmt. Gegenüber einem Dritten kann auf die interaktionell notwendigen Rücksichten, welche Alter gegenüber erforderlich wären, verzichtet werden. Was in der Kommunikation mit Alter offensichtlich zum Konflikt führen würde, kann mit Tertius konfliktfrei besprochen werden. Dabei kann moralische Kommunikation, da sie über das wechselseitige Zuschreiben von Achtung und Missachtung zustande kommt, sich zu Verachtungsbekundungen, Zorn oder gar Wut steigern, um die Unmöglichkeit zu kompensieren, welche darin besteht, Kommunikationsteilnehmer, welche Moralgeboten nicht folgen, nicht exkludieren zu können. „Moral am Limit“ weiterlesen

Luhmanns Ehepaar

Luhmann, bekanntlich oftmals als Konservativer abgestempelt, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil eines konservativen Denkers. Nur ein Beispiel: Foucaults berühmte Wette, dass „der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht aus Sand“ (Foucault, Die Ordnung der Dinge, in: ders., Die Hauptwerke, FfM 2008, S. 463), löst Luhmann, vielleicht hundert Jahre seiner Zeit voraus, bereits ein und destruiert gleichsam die überkommene Demarkation zwischen Mensch und Tier. Dass er dennoch als Konservativer abgestempelt wird, reizt zur Koketterie, um die Kritik zu forcieren, ihr insgeheim in die Karten zu spielen, um sich dann über ihr gnadenloses Missverständnis amüsieren zu können. Eine derartige Verschmitztheit würde Luhmann nur recht stehen. Gegenstand der Koketterie ist in nicht wenigen seiner Werke offensichtlich ein Ehepaar mit klarer, gut konservativer Rollenverteilung. In Die Moral der Gesellschaft behandelt Luhmann das Erwarten von Erwartungserwartungen, also das dreistufige Reflexivwerden der Erwartung. „Luhmanns Ehepaar“ weiterlesen