Kritik der Praktischen Philosophie

Bei der VI. Tagung für Praktische Philosophie im schönen Salzburg habe ich kritisch über den Zustand ebenjener Praktischen Philosophie und der ihr angegliederten philosophischen Ethik gesprochen. Obgleich diesen Disziplinen eine enorme gesellschaftliche Relevanz zukommen könnte und sollte, dümpelt die akademische, normativ arbeitende Philosophie in ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit herum. Die Gründe dafür sind unter anderem das hartnäckige Aufrechterhalten von hochredundanten Zitierkartellen rund um die einschlägigen Klassiker, die Xenophobie gegenüber anderen wissenschaftlichen Disziplinen beziehungsweise Interdisziplinarität im Allgemeinen, die weitreichende Unfähigkeit zu eigener empirischer Arbeit und vieles mehr. Damit, dass mein Vortrag dabei nicht nur auf Zustimmung, sondern ebenfalls auf teils emotionale Gegenkritik stieß, hatte ich gerechnet. Dennoch war ich froh, meine Überlegungen auf einer der wichtigsten Fachtagung der deutschsprachigen Philosophie vortragen zu können.


Erziehung zur trivialen Maschine

Individuierung durch Vergesellschaftung – Meads sozialpsychologische Formel – bedeutet, dass soziale Prozesse ins Einzelbewusstsein hereingenommen und verhaltenskontrollierende Instanzen internalisiert werden. Die eigene Identität bildet sich als Zusammen des sozialkonformen „Me“ und des impulsiven, schöpferischem „I“. In einer dialektischen Bewegung formt Gesellschaft das Individuum und das Individuum die Gesellschaft. So betonen Berger und Luckmann, dass

„die Beziehung zwischen dem Menschen als dem Hervorbringer und der gesellschaftlichen Welt als seiner Hervorbringung dialektisch ist und bleibt. Das bedeutet: der Mensch – freilich nicht isoliert, sondern inmitten seiner Kollektivgebilde – und seine gesellschaftliche Welt stehen miteinander in Wechselwirkung. Das Produkt wirkt zurück auf seinen Produzenten. Externalisierung und Objektivation – Entäußerung und Vergegenständlichung – sind Bestandteile in einem dialektischen Prozess. […] Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt.“ (Berger; Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, FfM 1980, S. 65)

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