Zur Ethik des Rülpsens

Rülpser sind „schmutzige“ Episoden in der Kommunikation. Lautes Aufstoßen stellt nicht einfach bloß eine physiologische Funktion dar. Absichtliches Rülpsen signalisiert einen couragierten Sinn für Frechheit. Damit haben alle Angehörigen legitimer Geschmackskulturen nie etwas anfangen können. Der Rülpser bildet eine Art des Argumentierens, welche die Grundsätze seriöser Diskursführung transzendiert. Während Benimmnormen zur Disziplinierung anhalten, bildet der Rülpser im Verbund mit dem Furz die emanzipatorische Widerstandsfront gegen das abgekarterte Spiel der Selbstdressur. Die Resistance der Frechheit bemüht sich um eine Revitalisierung der Kultur. Frei ist, wer auch rülpst, wenn die Verwandten zu Besuch sind. Der rülpsende Ironiker hat ein Kontingenzbewusstsein erlangt, dass ihn gegenüber der organisierten Ernsthaftigkeit seiner unfreien Mitmenschen in ein Milieu wohltuender Entkrampfung aussetzt. Gerülpst und gefurzt wird, um sich gleichsam behaglichen Lockerungsübungen hinzugeben. Wer sich dieser Annehmlichkeiten widmet, macht sich zum Hofnarr „hoher“, „gepflegter“ Gesellschaften. Rülpser sind dann auch Irritationsquellen, Respektsverweigerungen. Sie bilden eine taktlose Alternativkommunikation, welche sich „von unten“ gegen jede Form stratifikatorischer Ordnung richtet. Den verkrampften Angehörigen legitimer Geschmackskulturen mag sich nicht erschließen, dass sich hinter Rülpsern und Fürzen ein subversives, hochreflektiertes Bewusstsein verbergen kann, dass für sich selbst längst eine divergente Sozialordnung ausgemacht hat. Rülpser sind die Strategen einer frechen Aufklärung, einer Gegenkultur, welche das Zwangsverhältnis der Sitten zugunsten einer schwarzen Moral auflösen.