Konstruktivistische Irrungen

Klassisch pflegt man die Vorstellung einer Realität, welche „hinter“ der Sprache, der Erkenntnis, den Vorstellungen liegt. Was als Außenwelt verhandelt wird, muss jedoch eingeholt werden als Hilfskonstrukt, um Zirkelschlüsse zu vermeiden. Über den Weg der Introspektion wird man nicht weiter kommen als zu dem Schluss, dass das Erkennen nicht selbst erkannt werden kann. Bei der Frage nach der Selbstbegründung des Erkennens setzt der Konstruktivismus an, indem er für eine „Ent-Ontologisierung“ der Realität votiert. Dies wird über die Einführung von Nichtanwendungsgeboten der Unterscheidung Sein/Nichtsein vollzogen. Und plötzlich sieht man, dass Erkenntnis – wenngleich nicht beliebig – produziert werden kann. Kommunikation, gerade jene massenmedialer Provenienz, wird eine wirklichkeitskonstitutive Funktion zugeschrieben. Es gibt nicht mehr „die“ Realität, sondern nur noch differente Realitätsbeschreibungen. Die Konfrontation mit bestimmten Realitätsbeschreibungen führt zu bestimmtem Wissen und bestimmtem Nichtwissen. Man kann dann auf die Idee kommen, sich bestimmten Realitätsbeschreibungen, etwa solchen, welche von Grausamkeiten handeln, gegenüber zu verwahren. Vermeidungs- oder Abwehrhaltungen können aufgefahren werden, um Nahkonfrontationen gefürchteter Realitätsbeschreibungen ausschließen zu können. Ein solcher Effekt macht sich insbesondere in solchen Fällen bemerkbar, in welchen Gewalt gezeigt oder beschrieben wird. Man wendet sich ab oder hält sich die Augen zu. Wer tapfer ist, schaut dann doch hin, um dann aber zu bemerken: „Wenn ich mir das weiter ansehe, kann ich kein Schweinefleisch mehr essen.“ Aber man kommt nicht umhin, die Naivität dieses Gestus zu bemerken. Schließlich muss, wer sich abwendet, ja schon Kenntnis darüber erlangt haben, dass man sich abwenden müsse. Wer sich abwendet, weiß bereits genug. Realität entsteht aus der Vermeidung von Konsistenzproblemen, also aus dem Widerstand von Kommunikation gegen Kommunikation. Abwendungsbewegungen resultieren aus der Erfahrung dieses Widerstandes, aus erfahrenen Realitätsindikationen, deren volle „Breitseite“ man jedoch nicht zu spüren bekommen will. Schließlich will man beispielsweise eigene Gewohnheiten beibehalten und sich der Kritik daran erwehren können. Vorwürfe, dass man sich durch bestimmte Verhaltensweisen schuldig mache, können so als unzutreffend abgewiesen werden, ohne dass wirksame Selbstkorrekturmechanismen einsetzen.