Virtuelle Lebenswelten

Der Mensch ist das mit der Technologie verschmelzende Tier. Dabei wird die Idee des Menschen obsolet. Cyborgs betreten das Feld – zumeist in Form von Einheiten aus Mensch und Smartphone. Zunehmend übernimmt letzteres das “Denken”.

„As computational resources are increased, systems’ architectures naturally progress from stimulus – response, to simple learning, to episodic memory, to deliberation, to meta-reasoning, to self-improvement and to full rationality.“ (Omohundro, Autonomous technology and the greater human good, in: Journal of Experimental & Theoretical Artificial Intelligence, 2014, S. 4)

Der Mensch ist ein langsamer, irrationaler und fehlerhafter Entscheider. Gegenüber der Technologie erscheint er schlicht als veraltetes Model. Er flüchtet sich zurecht in die Technologie. Er erwartet von ihr mehr als von anderen Menschen (vgl. Turkle, Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, New York 2011). Er interagiert mit sozialen Robotern, Substituten des Menschen, oder mit Cyborgs, doch immer weniger mit seinesgleichen. Virtuelle Welten bilden die eigentliche Lebenswelt. Hier stößt er auf eine resonante Welt, eine Welt voller vermeintlicher Anerkennung – und auf eine Welt, in der er so sein kann, wie er sein möchte.

„Technology is seductive when what it offers meets our human vulnerabilities. And it turns out, we are very vulnerable indeed. We are lonely but fearful of intimacy. Digital connections and the sociable robot may offer the illusion of companionship without the demands of friendship. Our networked life allows us to hide from each other, even as we are tethered to each other. We’d rather text than talk.“ (Ebd., S. 1)

Während Computer und desgleichen Roboter einst „leere“ Maschinen waren, so reagieren sie nun auf ihre Nutzer, sprechen mit ihnen oder machen ihnen Handlungsvorschläge. Es entsteht nicht nur eine emotionale Verbindung zu Maschinen (Darling, Extending Legal Rights to Social Robots, 2012), sondern gar eine neue Intimität, eine neue Innigkeit zwischen Mensch und Technologie. Während die zwischenmenschliche Intimität „verkümmert“, hält die Flucht in die sozialen Netzwerke, Online-Communities und Multiplayer-Arenen an. Dem Geschehen und den Interaktionen in den virtuellen Welten wird ein höherer Stellenwert eingeräumt als dem Geschehen unter den Anwesenden. Galt es vor einiger Zeit noch als unverschämt, ein Gespräch zu unterbrechen, um sich seinem Handy zu widmen, so ist es inzwischen zur Norm geworden, klingelnde, vibrierende oder aufleuchtende Smartphones sofort und mehr zu beachten, als die Person gegenüber.

„Mobile technology has made each of us ‚pauseable.‘ Our face-to-face conversations are routinely interrupted by incoming calls and text messages. In the world of paper mail, it was unacceptable for a colleague to read his or her correspondence during a meeting. In the new etiquette, turning away from those in front of you to answer a mobile phone or respond to a text has become close to the norm. When someone holds a phone, it can be hard to know if you have that person’s attention.“ (Turkle, ebd., S. 161)

Die Identitäten der sozialen Netzwerke und Online-Communities fordern ständige Aufmerksamkeit – welche nur über die Ablenkung von der nicht-virtuellen Welt gesichert werden kann. Diese permanente Ablenkung begünstigt eine eigentümliche Art der Einsamkeit, welche vor allem an öffentlichen Plätzen zu beobachten ist. Die Blicke sind auf die Displays der Smartphones gebannt. Ohrhörer verhindern, ansprechbar zu sein. Es gilt, die virtuellen Identitäten zu pflegen. Dabei sind die Profile und Accounts kaum mehr als verfälschte Zerrbilder der nicht-virtuellen Identität einer Person.

„From the start, online social worlds provided new materials. Online, the plain represented themselves as glamorous, the old as young, the young as older. Those of modest means wore elaborate virtual jewelry. In virtual space, the crippled walked without crutches, and the shy improved their chances as seducers.“ (Ebd., S. 158)