Zur Lage der Neuphilologien

Derrida hat in seinen paralogischen Untersuchungen dafür plädiert, die Differenz zwischen Literaturkritik und Literatur einzuebnen. Derrida verabschiedet, stellvertretend scheinbar für die gesamte akademische Neuphilologie, diskursive Standards wissenschaftlicher Argumentationspraxis, um beide Diskurse – Literaturkritik und Literatur – unter Absehung jeglicher forschungspragmatischer Rücksicht als bloße Formen des Schreibens zu interpretieren. Die von Derrida vorgenommene Überverallgemeinerung der poetischen und rhetorischen Sprachfunktion scheint zum Diskursmodell einer gesamten Universitätsdisziplin geworden zu sein. Spätestens in den lockeren Gesprächen literaturwissenschaftlicher Seminare scheint vergessen, dass überhaupt elaborierte Theorien im Einzugsbereich universitärer Sprachspiele liegen. Stattdessen wird munter drauf los assoziiert. Über Assoziationen werden in Diskussionen Komplexitätssteigerungen erwirkt, welche ihrerseits schlichten Gemütern Tiefe vortäuschen. Es herrscht die Einstellung des Sich-immer-schon-hineingefühlt-Habens in die besprochene Thematik. Man ist im „Flow“ der Assoziationen, und fast jeder findet unter nicht regelgeleitetem Bemühen einen Redebeitrag. Das Endziel ist, Originalitätssteigerungen vorführen zu können; mehr aus den zu interpretierenden Werken herauszuholen, als eigentlich an Sinngehalt in ihnen steckt. Betrieben wird eine Art Traumarbeit der Sprache. Dass sich diese bis in die Forschung, dort unter dem Vorzeichen, Theorie zu sein, fortsetzt, wird, wie etwa Davidson zeigt, deutlich in der Debatte über Metaphern (Vgl. Davidson, Was Metaphern bedeuten, in: ders., Wahrheit und Interpretation, FfM 1986, S. 343 ff.). Während gängige Metapherntheorien angeben, eine Methode zur Entzifferung des mutmaßlich verschlüsselten Inhalts, des über die buchstäbliche Bedeutung hinausgehenden Bedeutungsgehalts von Metaphern zu liefern, da sagen sie, wie Davidson zeigt, tatsächlich allein etwas aus über die assoziativen Wirkungen, welche Metaphern ausüben. Die Paraphrase einer Metapher kann nicht die Angabe ihrer Bedeutung sein. Dennoch wird ein ganzer theoretischer Diskurs über Assoziationen betrieben, auf deren Stichhaltigkeit man jeweils besteht. So stehen gängige Metapherntheorien repräsentativ für die Methodologie einer ganzen Universitätsdisziplin, in der Assoziationen als Analysen ausgegeben werden.

„Besonders in den theoretisch schlecht konsolidierten Fächern kann man sich nicht mehr darauf verlassen, daß sich die Wahrheit schließlich durchsetzt und die guten Theorien die schlechten überstrahlen.“ (Luhmann, Die Praxis der Theorie, in: ders., Soziologische Aufklärung 1, Wiesbaden 2009, S. 332)

Neben der wissenschaftstheoretischen Orientierungslosigkeit, welche sich innerhalb der Neuphilologie ausbreitet, steht die Orientierungslosigkeit der Lehre. Literaturwissenschaftliche Bildung limitiert sich auf die oberflächliche Einführung in den Zitierbetrieb der Fakultät. Man kann Lesefrüchte zum Besten geben und durch Zitierfähigkeit Bildung andeuten. Die eigentliche Befähigung aber, komplexe Verständnis- und Interpretationsleistungen zu erbringen, wird nicht erlangt. Man erwähnt in Aufsätzen Barthes, Kristeva oder Saussure, wobei sich die Frage stellt: Ist das schon Theorie oder nur Nennung von Namen zu gegebenem Anlass? Gerade durch die Nennung von altehrwürdigen Philosophen, welche so wohlklingende Namen wie Kant, Hume oder Hegel haben, rückversichert man sich, vermeintlich noch Wissenschaft zu betreiben. Vorzugsweise etwa Nietzsche oder auch Wittgenstein lassen sich rasch in Form von Sentenzen rezitieren, die angegeben werden können, ohne genauere Einblicke in die jeweilige Denkkultur oder Theorie zu besitzen. Man lernt in den Neuphilologien letztlich, Texte mit Ähnlichkeitsverhältnissen zueinander zu produzieren. Es geht darum, einen bestimmten Sprachgestus zu beherrschen, ohne dabei jedoch einen dezidierten Theoriehintergrund zu besitzen.

„Intellektueller ist, wer von anderen als solcher registriert wird. Deshalb muß er besonders sein und auffallen; durch Büchermachen; als Künstler oder als Autor ungewöhnlicher Thesen – wie z.B. der Behauptung (Foucaults), noch nie einen Intellektuellen getroffen zu haben.“ (Kohler, Das institutionalisierte Individuum. Über intellektuelles Rollenverständnis heute, in: Meyer (Hrsg.), Intellektuellendämmerung. Beiträge zur neuesten Zeit des Geistes, München 1992, S. 16)

Dieses Ungewöhnlich-sein-Müssen haben sich gerade literaturwissenschaftliche Fakultäten zu eigen gemacht. Man entwickelt außergewöhnliche, schwer verständliche Sprachstile, wobei jedoch der Verdacht aufkeimt, dass der Obskurantismus als sprachlich vermittelte Irritation zum Selbstzweck verkommt, sodass schlussendlich sozusagen ein „Faschismus der Sprache“ aufkeimt, welcher konkurrierende und widersprechende Sinnangebote stets mit dem Verweis auf fehlendes Verständnis abwiegeln kann.