Sprachspielirrungen

„Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, einen sogenannten populärwissenschaftlichen Vortrag zu halten, also einen Vortrag, der ihnen weismachen soll, Sie verstünden etwas, was Sie in Wirklichkeit gar nicht begriffen haben, was hieße, einen der nach meiner Überzeugung schnödesten Wünsche des modernen Menschen zu befriedigen, nämlich die oberflächliche Neugier auf die jüngsten wissenschaftlichen Entdeckungen.“ (Wittgenstein, Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, FfM 1989, S. 9)

Sentenzartig kann dann angetäuscht werden, ein dezidiert wissenschaftliches Sprachspiel zu beherrschen. Aber die nötige „Tiefe“ fehlt und das Durchhalten der Fähigkeit, variierende Anwendungsfälle begrifflich plausibilisieren zu können. Ein prätentiöser Sprachstil wird zum Selbstzweck. Das Spezialistentum dagegen legitimiert Komplexitätssteigerung im Vokabular; doch gerät es in die Gefahr, selber engstirnig zu werden. 

„Der Spezialist ist in seinem winzigen Weltwinkel vortrefflich zuhause; aber er hat keine Ahnung von dem Rest.“ (Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, Stuttgart 1989, S. 117)

Der Fachgelehrte ist ungebildet und gebildet; er ist ungebildet, denn

„er kümmert sich um nichts, was nicht in sein Fach schlägt; aber er ist auch nicht ungebildet, denn er ist ein Mann der Wissenschaft und weiß in seinem Weltausschnitt glänzend Bescheid. Wir werden ihn den gelehrten Ignoranten nennen müssen, und das ist eine überaus ernste Angelegenheit; denn es besagt, daß er sich in allen Fragen, von denen er nichts versteht, mit der ganzen Anmaßung eines Mannes aufführen wird, der in seinem Spezialgebiet eine Autorität ist. […] So kommt es, daß sich selbst diese Männer, die einen Höchstfall von Qualifikation, von spezieller Begabung und sonach den Gegenpol zum Massenmenschen darstellen sollten, in fast allen Lebensbereichen wie undifferenziertes und durchschnittliches Volk betragen.“ (ebd., S. 117 f.)

Was an Wissenschaft mahnt, verführt zum Aufführen. Es ist ein Theater der Sprache. An den Universitäten und außerhalb derselben. Man heißt Deleuze oder Guattari und schreibt Bücher mit Sätzen wie:

„Hegel zeigt deshalb, daß sich die Variabilität in der Funktion nicht mit Werten begnügt, die man verändern kann (2/3 und 4/6) oder unbestimmt läßt (a=2b), sondern verlangt, daß eine der Variablen eine höhere Potenz annimmt (y²/x=P). Denn damit kann ein Verhältnis unmittelbar als Differentialquotient dx/dy‘ bestimmt werden, in dem der Wert der Variablen keine andere Bestimmung mehr hat als sein Schwinden oder Entstehen, obwohl er den unendlichen Geschwindigkeiten entrissen wird. Von einem derartigen Verhältnis hängt ein Sachverhalt oder eine ‚abgeleitete‘ Funktion ab: Man hat eine Depotenzierungsoperation durchgeführt, die einen Vergleich distinkter Potenzen erlaubt, von denen ausgehend sich sogar ein Ding und ein Körper werden entwickeln können (Integration). Allgemein aktualisiert ein Sachverhalt kein chaotisches Virtuelles, ohne ihm ein Potential zu entlehnen, das sich im Koordinatensystem verteilt.“ (Deleuze; Guattari, Was ist Philosophie?, FfM 2000, S. 140 f.)

Man vertraut auf mutmaßliche Inkompetenz beim Leser (vgl. dazu Sokal; Bricmont, Fashionable Nonsense. Postmodern Intellectuals‘ Abuse of Science, New York 1998) nach einem Motto Nietzsches: Man will auch nicht verstanden werden. Es ist dann keine Entscheidung mehr darüber zu treffen, ob es sich um eine in den Worten Poppers „orakelnde Philosophie“ handelt, welche sich in leerer Wortmacherei erschöpft, oder ob wirklicher Tiefsinn beziehungsweise wissenschaftliche Differenziertheit vorhanden ist. Wenn aber Plausibilitätsniveaus derart vergewaltigt werden, scheint es wissenschaftspolitisch angebracht, auf Schwachsinn zu plädieren.