Erziehung zur trivialen Maschine

Individuierung durch Vergesellschaftung – Meads sozialpsychologische Formel – bedeutet, dass soziale Prozesse ins Einzelbewusstsein hereingenommen und verhaltenskontrollierende Instanzen internalisiert werden. Die eigene Identität bildet sich als Zusammen des sozialkonformen „Me“ und des impulsiven, schöpferischem „I“. In einer dialektischen Bewegung formt Gesellschaft das Individuum und das Individuum die Gesellschaft. So betonen Berger und Luckmann, dass

„die Beziehung zwischen dem Menschen als dem Hervorbringer und der gesellschaftlichen Welt als seiner Hervorbringung dialektisch ist und bleibt. Das bedeutet: der Mensch – freilich nicht isoliert, sondern inmitten seiner Kollektivgebilde – und seine gesellschaftliche Welt stehen miteinander in Wechselwirkung. Das Produkt wirkt zurück auf seinen Produzenten. Externalisierung und Objektivation – Entäußerung und Vergegenständlichung – sind Bestandteile in einem dialektischen Prozess. […] Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt.“ (Berger; Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, FfM 1980, S. 65)

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Zur Ethik autonomer Roboter

Als angewandte Ethik beschäftigt sich die Roboterethik hauptsächlich mit der Frage, welche Rolle Roboter in sozialen Handlungszusammenhängen spielen. Auf der einen Seite geht es um Roboter als „moralische Maschinen“, welche es so zu programmieren gilt, dass ihre Aktionen möglichst keine Schäden verursachen. Dabei steht vor allem die Entwicklungsphase von Robotern im Fokus. Hier gilt es, Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft angemessen zu antizipieren. Man muss mögliche Folgen des Technikeinsatzes abschätzen und überprüfen, welche Werte in die Robotertechnik eingeschrieben werden. Wichtig ist vor allem, neben den rein technischen oder ökonomischen Wertesettings soziale Werte zu berücksichtigen. „Zur Ethik autonomer Roboter“ weiterlesen

Sprachspielirrungen

„Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, einen sogenannten populärwissenschaftlichen Vortrag zu halten, also einen Vortrag, der ihnen weismachen soll, Sie verstünden etwas, was Sie in Wirklichkeit gar nicht begriffen haben, was hieße, einen der nach meiner Überzeugung schnödesten Wünsche des modernen Menschen zu befriedigen, nämlich die oberflächliche Neugier auf die jüngsten wissenschaftlichen Entdeckungen.“ (Wittgenstein, Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, FfM 1989, S. 9)

Sentenzartig kann dann angetäuscht werden, ein dezidiert wissenschaftliches Sprachspiel zu beherrschen. Aber die nötige „Tiefe“ fehlt und das Durchhalten der Fähigkeit, variierende Anwendungsfälle begrifflich plausibilisieren zu können. Ein prätentiöser Sprachstil wird zum Selbstzweck. Das Spezialistentum dagegen legitimiert Komplexitätssteigerung im Vokabular; doch gerät es in die Gefahr, selber engstirnig zu werden.  „Sprachspielirrungen“ weiterlesen

Religion und Therapie

Man spricht des Öfteren vom Zerfall der Religionen. Man wähnt, einen globalen sozialen Wandel erkannt zu haben. Doch das Phänomen wird falsch verortet. Richtig wäre, den Zerfall der Religionen zu lozieren allein dort, wo Therapiesysteme expandieren. Andernorts wäre es, allen Beobachtungen zufolge, wohl eher angemessen, von einem Erstarken der Religionen zu reden. Therapeutische Verfahren jedoch lösen dort, wo sie zur Anwendung kommen, religiöse Praktiken des strategischen Identitätsmanagements ab. Sie lösen die religiös institutionalisierten Selbstthematisierungsmodelle ab. Dabei bleibt die funktionale Ausrichtung der Systeme freilich gleich. Beiden, den Religionen als auch den Therapieverfahren, geht es darum, sich um den psychischen Leidensdruck zu „kümmern“ bei Personen, welche nicht imstande sind, diesen Leidensdruck mit eigenen Mitteln zu verwalten. „Religion und Therapie“ weiterlesen

Sauberer Sport und hybride Athleten

Offensichtlich flächendeckendes Doping im Leistungs- und Hochleistungssport kann die Forderungen nach einem „sauberen“ Sport nicht eindämmen. Auf die Differenz von „sauberem“ und „unsauberem“ Sport wird der Moralcode gut/schlecht appliziert. Nur ein Sport, welcher als „sauber“ gilt, darf damit rechnen, weiterhin von Sponsoren, Medien und großen Publikumsmassen getragen zu werden. Doch hinter der Ideologie des „sauberen“ Sports steckt ein Ensemble von Denkschemata, welche – gelinde gesagt – als unzeitgemäß gelten dürfen. Längst zieht sich ein Netz von Assoziationen zwischen Mensch und Medizin bzw. Mensch und Chemie durch die Gesellschaft, welches die Kategorie des Humanen überhaupt in Frage stellt. „Sauberer Sport und hybride Athleten“ weiterlesen

Zum Habitus des Berufswissenschaftlers

Wenn man die Prinzipien der Athletik auf das Feld der Wissenschaft überträgt, geraten einige, zumeist verborgenen Funktionsprinzipien dieses Feldes in den Blick. Wie der Läufer Kilometer sammelt und Fitnesspotentiale akkumuliert, so sammelt der an Theorie orientierte Wissenschaftler Textmengen unter dem Ziel, neben den externen Wissensarchiven gleichsam ein „internes“ Archiv, einen Speicher konzentrierten Wissens anzulegen. Berufstheoretiker messen ihre Kondition, ihr „In-Form-Sein“ daran, in den Sprachspielen der eigenen Themenressorts Virtuositätssteigerungen anderer Wissenschaftler kontern zu können, um auf dem Markt der Glaubwürdigkeitszuteilung möglichst große Anteile abgreifen zu können. „Zum Habitus des Berufswissenschaftlers“ weiterlesen

Fake-News als alter Traum der Wissenschaft

Innerhalb der Medienethik stellt der Konstruktivismus ein bedeutendes Theoriemodell dar. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden Konstruktivisten nicht müde, zu betonen, dass es eine Pluralität an Wirklichkeitskonstruktionen und -entwürfen bedürfe. Damit wurde eine starke Opposition eingenommen zu einer Position, welche davon ausgeht, es gäbe so etwas wie eine allgemeine Wahrheit. Demokratie lebt, schrieb Bernhard Pörksen noch im Jahr 2014, „von alternativen, von konkurrierenden Wirklichkeitsentwürfen, die nicht verabsolutiert werden dürfen.“ (Pörksen, Konstruktivismus. Medienethische Konsequenzen einer Theorie-Perspektive. Wiesbaden 2014, S. 18).

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Spülmaschinenkonflikte

Die Spülmaschine ist ein Konfliktauslöser erster Güte. An ihr kristallisieren sich Zank und Zwietracht wie an keinem zweiten Haushaltsgegenstand. Unstimmigkeiten entzünden sich an differenten Vorstellungen über die sachgemäße Erreichung der beiden Zielgrößen des Spülmaschinenbetriebs: Packdichte und Sauberkeit. Es soll möglichst viel in die Spülmaschine, doch mit zunehmender Packdichte überlagern sich die zu spülenden Gegenstände und können nicht hinreichend gereinigt werden. In zumeist gleichbleibender Besetzung treten die Streitpartner dann jeweils für den Designationswert Sauberkeit ein und erwehren sich einer zu hohen Packdichte – oder eben umgekehrt. Einer platten Intuition folgend würde man dann mutmaßen, dass Männer eher auf Packdichte setzen, während Frauen für Sauberkeit eintreten und allzu gewagten, verschachtelten Aufbauten von verschmutzten Küchengegenständen eher skeptisch gegenüberstehen. Dabei besteht das Risiko einer zu hohen Packdichte einzig im Überbleiben kleiner, mit dem Fingernagel leicht zu entfernender Knusen an wenigen Geschirrstücken. Das Risiko einer allzu strikten Sauberkeitsdoktrin dagegen besteht schlicht darin, ein wenig schmutziges Geschirr auf die jeweils nächste Spülfuhre aufschieben zu müssen. Diese offensichtlich gänzlich harmlosen Risiken sind kaum in ein Verhältnis zu setzen mit der aggressiven Leidenschaftlichkeit und Konstanz der Konflikte um die Spülmaschine. So steht zu vermuten, dass gerade in gut funktionierenden Paarbeziehungen, in denen substantielle, personenbezogene Streitanlässe überwiegend fehlen, die Spülmaschine zur Konsolidierung eines Streitgegenstandes herangezogen wird, anhand dessen Disharmonien provoziert werden können, an deren raschen Ausräumung man dann wiederum beweisen kann, wie harmonisch die Beziehung ist.

Zur Ethik des Rülpsens

Rülpser sind „schmutzige“ Episoden in der Kommunikation. Lautes Aufstoßen stellt nicht einfach bloß eine physiologische Funktion dar. Absichtliches Rülpsen signalisiert einen couragierten Sinn für Frechheit. Damit haben alle Angehörigen legitimer Geschmackskulturen nie etwas anfangen können. Der Rülpser bildet eine Art des Argumentierens, welche die Grundsätze seriöser Diskursführung transzendiert. Während Benimmnormen zur Disziplinierung anhalten, bildet der Rülpser im Verbund mit dem Furz die emanzipatorische Widerstandsfront gegen das abgekarterte Spiel der Selbstdressur. Die Resistance der Frechheit bemüht sich um eine Revitalisierung der Kultur. Frei ist, wer auch rülpst, wenn der Professor im Büro ist. Der rülpsende Ironiker hat ein Kontingenzbewusstsein erlangt, dass ihn gegenüber der organisierten Ernsthaftigkeit seiner unfreien Mitmenschen in ein Milieu wohltuender Entkrampfung aussetzt. Gerülpst und gefurzt wird, um sich gleichsam behaglichen Lockerungsübungen hinzugeben. Wer sich dieser Annehmlichkeiten widmet, macht sich zum Hofnarr „hoher“, „gepflegter“ Gesellschaften. Rülpser sind dann auch Irritationsquellen, Respektsverweigerungen. Sie bilden eine taktlose Alternativkommunikation, welche sich „von unten“ gegen jede Form stratifikatorischer Ordnung richtet. Den verkrampften Angehörigen legitimer Geschmackskulturen mag sich nicht erschließen, dass sich hinter Rülpsern und Fürzen ein subversives, hochreflektiertes Bewusstsein verbergen kann, dass für sich selbst längst eine divergente Sozialordnung ausgemacht hat. Rülpser sind die Strategen einer frechen Aufklärung, einer Gegenkultur, welche das Zwangsverhältnis der Sitten zugunsten einer schwarzen Moral auflösen.

Sadismus und Männlichkeit

Männliche Härte im Spannungsfeld zwischen Naturtatsache und kultureller Performanz wird, in „Unterschichten“ zuvörderst, unter Authentizität verbucht unter Absehung freilich kultureller oder milieubedingter Konfigurationen. Die männliche Identität ist umso mehr Effekt diskursiver Praktiken, je mehr sie auf Naturwüchsigkeit beharrt. Aus der Hegemonie dieses Diskurses entsteht eine gefährliche, „phallogozentristische“ Praxis, die, so möchte man sagen, die Übel dieser Welt beherbergt.

„Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der – wie die Psychologie dartat – mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen Schmerz und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen mußte.“ (Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: Heydorn; Simonsohn; Hahn; Hertz (Hrsg.), Zum Bildungsbegriff der Gegenwart, FfM 1967, S. 117) „Sadismus und Männlichkeit“ weiterlesen

Aufmerksamkeitsökonomie der Werbung

Werbung strebt die Produktion von Aufmerksamkeit an und übernimmt die soziale Funktion, Teilnahmebereitschaften zu steigern (vgl. Zurstiege, Werbeforschung, Konstanz 2007, S. 44 ff.) – zumeist Teilnahmebereitschaftssteigerungen an bestimmen Kauf- und Konsumhandlungen. Es ist nicht die einmalige werbliche Kommunikation, welche eine spontane Veränderung bestimmter Meinungen und Einstellungen auslöst. Es ist die wiederholte, zigfache Rezeption werblicher Kommunikation, welche eine allmähliche Verschiebung von Präferenzen zugunsten eines bestimmten Produkts oder eines bestimmten Verhaltens auslöst. Neben werbebedingten Reaktionen innerhalb bestimmter Handlungszusammenhänge wirkt Werbung als mächtiger Kulturfaktor.

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Virtuelle Lebenswelten

Der Mensch ist das mit der Technologie verschmelzende Tier. Dabei wird die Idee des Menschen obsolet. Cyborgs betreten das Feld – zumeist in Form von Einheiten aus Mensch und Smartphone. Zunehmend übernimmt letzteres das “Denken”.

„As computational resources are increased, systems’ architectures naturally progress from stimulus – response, to simple learning, to episodic memory, to deliberation, to meta-reasoning, to self-improvement and to full rationality.“ (Omohundro, Autonomous technology and the greater human good, in: Journal of Experimental & Theoretical Artificial Intelligence, 2014, S. 4)

Der Mensch ist ein langsamer, irrationaler und fehlerhafter Entscheider. Gegenüber der Technologie erscheint er schlicht als veraltetes Model. Er flüchtet sich zurecht in die Technologie. Er erwartet von ihr mehr als von anderen Menschen (vgl. Turkle, Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, New York 2011). Er interagiert mit sozialen Robotern, Substituten des Menschen, oder mit Cyborgs, doch immer weniger mit seinesgleichen. Virtuelle Welten bilden die eigentliche Lebenswelt. Hier stößt er auf eine resonante Welt, eine Welt voller vermeintlicher Anerkennung – und auf eine Welt, in der er so sein kann, wie er sein möchte.

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Kunst als Langeweile

„Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht.“ (Adorno, Ästhetische Theorie, FfM 1970, S. 9)

Kunst hat es schwer. Adorno eröffnet die Ästhetische Theorie nicht grundlos mit jenen pessimistischen Worten. Als ein Medium unter vielen bietet Kunst nur sehr zurückhaltend Chancen für Anschlusskommunikation. Für manche Kunstwerke wird allein noch durch Museen eine Plattform geschaffen. Zur Folge hat dies, dass ästhetische Theorien zur Legitimation von Kunst diese als sozial funktionslos beschreiben, um so tun zu können, als sei Kunst das letzte soziale Reservoir für moralische Integrität.

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Zur Lage der Neuphilologien

Derrida hat in seinen paralogischen Untersuchungen dafür plädiert, die Differenz zwischen Literaturkritik und Literatur einzuebnen. Derrida verabschiedet, stellvertretend scheinbar für die gesamte akademische Neuphilologie, diskursive Standards wissenschaftlicher Argumentationspraxis, um beide Diskurse – Literaturkritik und Literatur – unter Absehung jeglicher forschungspragmatischer Rücksicht als bloße Formen des Schreibens zu interpretieren. Die von Derrida vorgenommene Überverallgemeinerung der poetischen und rhetorischen Sprachfunktion scheint zum Diskursmodell einer gesamten Universitätsdisziplin geworden zu sein.  „Zur Lage der Neuphilologien“ weiterlesen

Zur Soziologie des Hochstapelns

„Der Imperativ: ‚Du mußt dein Leben ändern!‘ impliziert […]: sich selbst an die Hand nehmen, um aus dem eigenen Dasein einen Gegenstand der Bewunderung zu formen.“ (Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main 2009, S. 512)

„Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, daß ich aus edlerem Stoffe gebildet oder, wie man zu sagen pflegte, aus feinerem Holz geschnitten war als meinesgleichen, und ich fürchte dabei durchaus nicht den Vorwurf der Selbstgefälligkeit.“ (Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt am Main 1954, S. 18)

In Gesellschaften, in denen alles damit beginnt, dass jeder auf den eigenen Vorteil bedacht ist, und es damit endet, dass man nur noch in der Weise der Verdrängungs- und Vernichtungskonkurrenz handelt, scheint es nur naheliegend, dass nah- sowie außerlebensweltliche Beziehungen, und zwar im Besonderen jene zwischen Männern, ein stetes, gegenseitiges Abtasten darstellen. Es gibt gewissermaßen stillschweigend ablaufende Prüf- und Taxierungsroutinen, welche alle Personen, mit denen interagiert wird, in relevanten, variablen Kriterien evaluieren und auf einer Vertikalskala zwischen einem attraktiven Oben- und einem verächteten Unten-Pol verzeichnen. „Zur Soziologie des Hochstapelns“ weiterlesen

Luhmanns Ehepaar

Luhmann, bekanntlich oftmals als Konservativer abgestempelt, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil eines konservativen Denkers. Nur ein Beispiel: Foucaults berühmte Wette, dass „der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht aus Sand“ (Foucault, Die Ordnung der Dinge, in: ders., Die Hauptwerke, FfM 2008, S. 463), löst Luhmann, vielleicht hundert Jahre seiner Zeit voraus, bereits ein und destruiert gleichsam die überkommene Demarkation zwischen Mensch und Tier. Dass er dennoch als Konservativer abgestempelt wird, reizt zur Koketterie, um die Kritik zu forcieren, ihr insgeheim in die Karten zu spielen, um sich dann über ihr gnadenloses Missverständnis amüsieren zu können. Eine derartige Verschmitztheit würde Luhmann nur recht stehen. Gegenstand der Koketterie ist in nicht wenigen seiner Werke offensichtlich ein Ehepaar mit klarer, gut konservativer Rollenverteilung. In Die Moral der Gesellschaft behandelt Luhmann das Erwarten von Erwartungserwartungen, also das dreistufige Reflexivwerden der Erwartung. „Luhmanns Ehepaar“ weiterlesen

Männlichkeit und Selbstbeherrschung

Wenn man die soziale Welt als ausdifferenzierte Sphäre betrachtet und Klassenbildungen von Herrschenden und Beherrschten beschreibt und diese auf die Geschlechter überträgt, so werden Männer als die Beherrscher und Frauen als die Beherrschten der sozialen Welt erachtet. Man kann nun beschreiben, wie Frauen Konkurrenznachteile in Kauf nehmen müssen und soziale Kämpfe, Güter- und Wertaushandlungsprozesse in der Regel zugunsten der Männer ausgehen. Hier manifestieren sich feministische Positionen, die jedoch vergessen, dass die Männer zwar die Herrscher der sozialen Welt sind, dass sie aber gleichsam zu schweigenden Opfern ihrer eigenen symbolischen Gewalt werden. Es sind die Männer mehr noch als die Frauen, welche emanzipiert werden müssen – nicht gegenüber letzteren, sondern gegenüber sich selbst. Dessen sind sich die Männer freilich nicht bewusst, jedoch verschärft dies ihre ideologische Gefangenschaft umso mehr. Sie sind gefangen in den Verhaltensgesetzen, welche sie sich selbst geschaffen haben, welche sie in einem ewigen, scheinbar unabänderlichen, naturgegebenen Kreislauf reproduzieren und inkorporieren. „Männlichkeit und Selbstbeherrschung“ weiterlesen

Der Alleswisser

Der Alleswisser ist eine Person speziellen Charakters. Er befindet sich in der Regel in einem höheren Fachsemester eines bestimmten Studienfachs, zumeist Philosophie, Informatik oder Jura. Obgleich ein Fachidiot, so fühlt sich der Alleswisser – es handelt sich dabei immer um Männer – in gleich welchem wissenschaftlichen Diskurs zuhause. Er akzeptiert keine disziplinäre Verengung seines Wissens. Allein die Tatsache, dass er durch die akademischen Aufwendungen für sein eigentliches Studienfach semantische Verkomplizierungsstrategien erlernt und sich einen kleinen Pool an Fremdwörtern, Autorennamen, Ismen und Argumentationsfiguren angeeignet hat, verleitet ihn zu dem Glauben, dass er damit zum automatischen Teilnehmer an beliebig vielen weiteren wissenschaftlichen Diskursen und Debatten wird, in denen er mit harten Überzeugungen auftreten darf. Dies tut er jedoch freilich nicht im eigentlichen Umfeld des Faches, sondern vor einem ahnungslosen, fachfremden Publikum, welches die intellektuelle Unredlichkeit des Alleswissers nicht recht erkennt. Tatsächlich charakterisiert den Alleswisser jedoch eine ausgeprägte Respektlosigkeit gegenüber wissenschaftlicher Forschung. Weil er meint, sich ein Fachgebiet durch das Lesen von ein oder zwei Papern zur Gänze erschlossen zu haben, verkennt er die eigentliche Komplexität, mit welcher die Wissenschaften die Dinge überziehen. Doch der große Auftritt, das Vorführen sprachakrobatischer Kunststückchen ist dem Alleswisser alles. Ihm geht es, wie Hochstaplern generell, um das Ergaunern von Anerkennung durch geschickte Eindrucksmanipulation beim Publikum. Die tatsächlichen Forschungsleistungen, welche in unzähligen Gebieten in aufwendiger Arbeit unter Beisteuerung von millionenschweren Drittmitteln bereits erbracht worden sind, interessieren den Alleswisser freilich nicht. Er hat nicht die Mittel, sich in die Forschung wirklich einzuarbeiten. Es bleibt beim Theater der Sprache.

„Was ich die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen.“ (Popper, Wider die großen Worte, in: Die Zeit, Nr. 39, 1971, S. 8)

Konstruktivistische Irrungen

Klassisch pflegt man die Vorstellung einer Realität, welche „hinter“ der Sprache, der Erkenntnis, den Vorstellungen liegt. Was als Außenwelt verhandelt wird, muss jedoch eingeholt werden als Hilfskonstrukt, um Zirkelschlüsse zu vermeiden. Über den Weg der Introspektion wird man nicht weiter kommen als zu dem Schluss, dass das Erkennen nicht selbst erkannt werden kann. Bei der Frage nach der Selbstbegründung des Erkennens setzt der Konstruktivismus an, indem er für eine „Ent-Ontologisierung“ der Realität votiert. Dies wird über die Einführung von Nichtanwendungsgeboten der Unterscheidung Sein/Nichtsein vollzogen. Und plötzlich sieht man, dass Erkenntnis – wenngleich nicht beliebig – produziert werden kann. Kommunikation, gerade jene massenmedialer Provenienz, wird eine wirklichkeitskonstitutive Funktion zugeschrieben. Es gibt nicht mehr „die“ Realität, sondern nur noch differente Realitätsbeschreibungen. Die Konfrontation mit bestimmten Realitätsbeschreibungen führt zu bestimmtem Wissen und bestimmtem Nichtwissen. Man kann dann auf die Idee kommen, sich bestimmten Realitätsbeschreibungen, etwa solchen, welche von Grausamkeiten handeln, gegenüber zu verwahren. Vermeidungs- oder Abwehrhaltungen können aufgefahren werden, um Nahkonfrontationen gefürchteter Realitätsbeschreibungen ausschließen zu können. Ein solcher Effekt macht sich insbesondere in solchen Fällen bemerkbar, in welchen Gewalt gezeigt oder beschrieben wird. Man wendet sich ab oder hält sich die Augen zu. Wer tapfer ist, schaut dann doch hin, um dann aber zu bemerken: „Wenn ich mir das weiter ansehe, kann ich kein Schweinefleisch mehr essen.“ Aber man kommt nicht umhin, die Naivität dieses Gestus zu bemerken. Schließlich muss, wer sich abwendet, ja schon Kenntnis darüber erlangt haben, dass man sich abwenden müsse. Wer sich abwendet, weiß bereits genug. Realität entsteht aus der Vermeidung von Konsistenzproblemen, also aus dem Widerstand von Kommunikation gegen Kommunikation. Abwendungsbewegungen resultieren aus der Erfahrung dieses Widerstandes, aus erfahrenen Realitätsindikationen, deren volle „Breitseite“ man jedoch nicht zu spüren bekommen will. Schließlich will man beispielsweise eigene Gewohnheiten beibehalten und sich der Kritik daran erwehren können. Vorwürfe, dass man sich durch bestimmte Verhaltensweisen schuldig mache, können so als unzutreffend abgewiesen werden, ohne dass wirksame Selbstkorrekturmechanismen einsetzen.

Luhmanns Humor

„Der gag [sic!] heiligt die Mittel […].“ (Luhmann, Soziale Systeme, FfM 1984, S. 459, Fn. 164) Gerade weil die systemtheoretische Tätigkeit ein recht nüchternes Sprachspiel bildet, blitzt der Humor in ihm umso mehr auf. Auf diesen kontextbedingten Effekt muss ich an dieser Stelle verzichten, da ich nur einzelne Textpassagen, in denen ein Gag kulminiert, zitieren kann. Luhmann merkt gleichsam an, dass Witz solidarisierend wirken kann dadurch, dass

„er heimliche Verständnisvoraussetzungen, also Bewußtsein in Anspruch nimmt, ohne daraus soziale Strukturen zu bilden. Eben deshalb ist dafür die Form des Einzelereignisses unerläßlich: Ein Witz muß neu sein und unwiederholbar. Er muß überraschen, darf aber nicht belehren. Er muß, obwohl er Bewußtsein komplex in Anspruch nimmt, rasch kapiert werden können, so daß er als Ereignis gemeinsam aktualisiert werden kann, ohne daß Konsens über Anzuschließendes gebildet werden muß. Er aktualisiert also die Sozialdimension, ohne sie kommunikativ zu thematisieren. Er bindet nicht. Er schneidet jede weitere Kommunikation, jede Rückfrage, jede Bemühung um weitere Erläuterung drastisch ab dadurch, daß er die Form einer Paradoxie wählt. Daß der Witz diese Stoßrichtung auf soziale Latenzen hat, läßt sich im übrigen auch daran ablesen, daß Witze auf Kosten Anwesender, das heißt auf Kosten des Bewußtseins, verboten sind – eine Norm, deren explizite Form weit in die Geschichte der Konversationsliteratur zurückverfolgt werden kann.“ (ebd.)

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