Privacy Literacy und seine Probleme

Angesichts stetig steigender Risiken für den Schutz der informationellen Privatheit im Kontext vernetzter informationstechnischer Systeme werden immer häufiger Forderungen nach Privacy Literacy laut. Privacy Literacy meint, dass Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien eine gewisse Bandbreite an Kompetenzen der Mediennutzung erlernen und besitzen sollen. Die Ausbildung von Mediennutzungsfähigkeiten, welche das Schutzverhalten hinsichtlich der eigenen Privatheit betreffen, kann als eine Antwort auf das Problem des „privacy paradox“ gesehen werden. Das „privacy paradox“ besagt, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen den Bekundungen über die Wichtigkeit des Schutzes der eigenen Privatheit und dem konkreten Mediennutzungsverhalten, im Rahmen dessen kaum auf den Privatheitsschutz geachtet wird. Dieser Kluft zwischen Überzeugung und Handeln kann durch Privatheitskompetenzen begegnet werden. Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien werden qua Bildung gewissermaßen „ermächtigt“, digitale Medien beziehungsweise digitale Plattformen und Services so zu nutzen, dass die eigene Privatheit geschützt wird. „Privacy Literacy und seine Probleme“ weiterlesen

Trolle in der Filterblase

„[…] profiles will begin to normalize the population from which the norm is drawn. The observing will affect the observed. The system watches what you do; it fits you into a pattern; the pattern is then fed back to you in the form of options set by the pattern; the options reinforce the pattern; the cycle begins again.“ (Lessig, Code. Version 2.0, New York 2006)

Auf den einschlägigen Internetplattformen selegieren Algorithmen, mit welchen Sinnangeboten Nutzer in Kontakt kommen und mit welchen nicht. Die Entscheidung darüber, mit welchen Informationen, Posts oder Nachrichten Nutzer bei der Google-Suche, im Newsfeed bei Facebook, den Kaufvorschlägen bei Amazon, den Meldungen bei den Yahoo News etc. konfrontiert werden, hängt von vergangenem Surfverhalten ab, von ermittelten Interessen, von ideologischen Ausrichtungen und weiteren personenbezogenen Eigenschaften. Durch jene als digitale Gatekeeper fungierenden Algorithmen kann das Risiko, mit unerwünschten Informationen in Kontakt zu kommen, reduziert werden. Tatsächlich aber ist dieses Risiko eines, welches gezielt gesucht und erhöht werden sollte. „Trolle in der Filterblase“ weiterlesen

Design und Medienwirkungen bei Social Media Plattformen

Unternehmen wie Facebook, Twitter oder YouTube, welche einschlägige Social-Media-Plattformen betreiben, möchten nach außen hin den Anschein erwecken, ihre Mission bestünde darin, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, Menschen zu vernetzen oder ihnen die Möglichkeit zu geben, Ideen oder Informationen zu teilen. Faktisch aber sind die wesentlichen Handlungsziele, welche die genannten Organisationen verfolgen, primär ökonomischer Natur. Demnach richten sich auch die Entscheidungen, welche das Design beziehungsweise die algorithmische Gestaltung der betriebenen Plattformen ausmachen, an ökonomischen Zielgrößen aus. Dies hat aufgrund der immensen Macht, welche die benannten Plattformen beispielsweise über die Gestaltung des öffentlichen Diskurses oder die politische Lage von Gesellschaften haben, in den letzten Jahren zu einigen durchaus als sehr negativ zu bewertenden gesellschaftlichen Entwicklungen geführt, welche es abzuwenden gilt. Um dies zu erreichen, liegt es nahe, das Design der Plattformen zu verändern, sodass sich auch ein anderes Nutzerverhalten manifestieren kann. Dies jedoch bedeutet gleichzeitig, dass bisherige Datenökonomiemodelle gewisse Einschränkungen erfahren. Eine solche Einschränkung ist angesichts der immensen gesamtgesellschaftlichen Medienwirkungen, welche die genannten Plattformen zeitigen, dringend geboten. Wie mit einem verbesserten Plattformdesign aktuelle Probleme rund um digitale soziale Netzwerke adressiert werden können, soll im Folgenden überblicksartig konkretisiert werden. „Design und Medienwirkungen bei Social Media Plattformen“ weiterlesen

Zur Linguistik des Furzes

Der Furz ist ein hochsoziales Phänomen. Zu prüfen wäre, inwiefern er sich als anales Derivat zur oralen Lautproduktion kommunikationstheoretischen Kategorien fügt.  Sloterdijk, einer der ganz wenigen, der eine linguistische Situierung des Furzes wagt, wenn auch nur auf ein paar Zeilen, schreibt:

„Semiotisch rechnen wir den Furz in die Gruppe der Signale, also der Zeichen, die weder etwas symbolisieren noch abbilden, sondern Hinweise auf einen Umstand geben.“ (Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt am Main 1983, S. 287)

Der Furz ist ein Grenzphänomen, welches sowohl als reines biologisches Körperverhalten verstanden werden kann als auch als bedeutungsvages Signal. Er ist ein signifikanter Auslöser des Verhaltens anderer. Zumeist geht es dann um eine kommunikative Verfeinerung des Geschehenen. In Sekundenbruchteilen klärt sich, ob der Furz in humoristischer Absicht getätigt wurde oder doch als peinliches Unterfangen klammheimlich übergangen werden sollte. Wird der Furz zu humoristischen Zwecken eingesetzt, besitzt er eine intentionale Dimension – im Gegensatz zur Nicht-Intentionalität des rein biologischen Körperverhaltens – und einen an sich klaren Informationswert. Geübte Furzer mit analverbalen Kompetenzen – Personen mit häufigem Meteorismus dürften hier privilegiert sein – provozieren eine situationsgerechte Platzierung der Flatulenz. Der „Spaßfurzer“ legt Einspruch gegen die zivilisatorische Abspaltung und Exilierung der „niederen“, „animalischen“ Körperfunktionen ein. „Zur Linguistik des Furzes“ weiterlesen

Reden und Schweigen

„Du verläßt die Universität. Du gehst zu einer Dinnerparty. Es gibt eine Gesprächspause. Schnell, irgendwer, sage etwas, irgend etwas, bevor eine angsterregende Realität Platz greift. Schnell, vertusche sie, lenke uns ab von ihr, lasse die Unterhaltung weitergehen.“ (Spencer-Brown, Dieses Spiel geht nur zu zweit, Soltendieck 1994, S. 94)

Woher diese Angst vor dem Schweigen? Genau genommen geht mit dem Schweigen die Unterhaltung weiter. Watzlawicks erstes Axiom (vgl. Watzlawick, Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien, Bern 1969) besagt es; man kann nicht nicht kommunizieren – auch wer schweigt, kommuniziert. Auch Schweigen ist Verhalten, und man kann sich nicht nicht verhalten. Und Schweigen kann nur, wer kommunizieren könnte. Das eine ist nicht ohne seine Gegenseite denkbar. „[…] kontrollieren kann sein Sprachverhalten nur, wer auch schweigen kann.“ (Luhmann, Soziale Systeme, FfM 1984, S. 209) Während aber das Schweigen bzw. die nicht-sprachliche Kommunikation etwa in Intimbeziehungen ein funktionierendes reziprokes Wechselspiel von idiosynkratischer Weltbestätigung, ein funktionierendes Wechselspiel ständigen Schonverständigtseins und damit eine funktionierende Liebesbeziehung andeutet, wirkt es in nicht-intimen Gesprächssituationen unter Anwesenden als Störfaktor. „Reden und Schweigen“ weiterlesen

Moral am Limit

Das Reflexivwerden der Moral nennt sich Takt. Takt besitzt, wer Moralisierungen reflektiert und auf ihr mögliches Konfliktpotential und auf Konfliktrisiken hin abtastet, sodass Konflikte durch Takt eingedämmt werden. Takt spielt demnach immer nur eine Rolle in der Interaktion Anwesender. Alsbald moralische Kommunikation nicht mehr zwischen Ego und Alter stattfindet, sondern zwischen Ego und Tertius das Verhalten Alters mit einer eigentümlich unbelasteten Vertrautheit moralisiert wird, kann Takt durch Opportunismus eingetauscht werden. Auch so werden Konfliktrisiken eingedämmt. Gegenüber einem Dritten kann auf die interaktionell notwendigen Rücksichten, welche Alter gegenüber erforderlich wären, verzichtet werden. Was in der Kommunikation mit Alter offensichtlich zum Konflikt führen würde, kann mit Tertius konfliktfrei besprochen werden. Dabei kann moralische Kommunikation, da sie über das wechselseitige Zuschreiben von Achtung und Missachtung zustande kommt, sich zu Verachtungsbekundungen, Zorn oder gar Wut steigern, um die Unmöglichkeit zu kompensieren, welche darin besteht, Kommunikationsteilnehmer, welche Moralgeboten nicht folgen, nicht exkludieren zu können. „Moral am Limit“ weiterlesen

Privatheit in Zeiten lernender Maschinen

Man stelle sich vor, man liefe an einer Überwachungskamera vorbei und eine Software analysierte allein anhand von Gesichtszügen die eigene sexuelle Orientierung, die Neigung zu kriminellen Handlungen, politische Überzeugungen oder wie vertrauenswürdig, dominant oder intelligent man wirkt. Dies klingt wie Science-Fiction. Ist es aber nur bedingt. Denn tatsächlich entstehen durch die Möglichkeiten moderner Technologien des Maschinenlernens beziehungsweise der künstlichen Intelligenz ungeahnte Möglichkeiten der Datenauswertung. Die Gesichtsanalyse ist dabei nur ein Bereich von vielen. „Privatheit in Zeiten lernender Maschinen“ weiterlesen

Erziehung zur trivialen Maschine

Individuierung durch Vergesellschaftung – Meads sozialpsychologische Formel – bedeutet, dass soziale Prozesse ins Einzelbewusstsein hereingenommen und verhaltenskontrollierende Instanzen internalisiert werden. Die eigene Identität bildet sich als Zusammen des sozialkonformen „Me“ und des impulsiven, schöpferischem „I“. In einer dialektischen Bewegung formt Gesellschaft das Individuum und das Individuum die Gesellschaft. So betonen Berger und Luckmann, dass

„die Beziehung zwischen dem Menschen als dem Hervorbringer und der gesellschaftlichen Welt als seiner Hervorbringung dialektisch ist und bleibt. Das bedeutet: der Mensch – freilich nicht isoliert, sondern inmitten seiner Kollektivgebilde – und seine gesellschaftliche Welt stehen miteinander in Wechselwirkung. Das Produkt wirkt zurück auf seinen Produzenten. Externalisierung und Objektivation – Entäußerung und Vergegenständlichung – sind Bestandteile in einem dialektischen Prozess. […] Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist eine objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt.“ (Berger; Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, FfM 1980, S. 65)

„Erziehung zur trivialen Maschine“ weiterlesen

Zur Ethik autonomer Roboter

Als angewandte Ethik beschäftigt sich die Roboterethik hauptsächlich mit der Frage, welche Rolle Roboter in sozialen Handlungszusammenhängen spielen. Auf der einen Seite geht es um Roboter als „moralische Maschinen“, welche es so zu programmieren gilt, dass ihre Aktionen möglichst keine Schäden verursachen. Dabei steht vor allem die Entwicklungsphase von Robotern im Fokus. Hier gilt es, Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft angemessen zu antizipieren. Man muss mögliche Folgen des Technikeinsatzes abschätzen und überprüfen, welche Werte in die Robotertechnik eingeschrieben werden. Wichtig ist vor allem, neben den rein technischen oder ökonomischen Wertesettings soziale Werte zu berücksichtigen. „Zur Ethik autonomer Roboter“ weiterlesen

Sprachspielirrungen

„Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, einen sogenannten populärwissenschaftlichen Vortrag zu halten, also einen Vortrag, der ihnen weismachen soll, Sie verstünden etwas, was Sie in Wirklichkeit gar nicht begriffen haben, was hieße, einen der nach meiner Überzeugung schnödesten Wünsche des modernen Menschen zu befriedigen, nämlich die oberflächliche Neugier auf die jüngsten wissenschaftlichen Entdeckungen.“ (Wittgenstein, Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften, FfM 1989, S. 9)

Sentenzartig kann dann angetäuscht werden, ein dezidiert wissenschaftliches Sprachspiel zu beherrschen. Aber die nötige „Tiefe“ fehlt und das Durchhalten der Fähigkeit, variierende Anwendungsfälle begrifflich plausibilisieren zu können. Ein prätentiöser Sprachstil wird zum Selbstzweck. Das Spezialistentum dagegen legitimiert Komplexitätssteigerung im Vokabular; doch gerät es in die Gefahr, selber engstirnig zu werden.  „Sprachspielirrungen“ weiterlesen

Religion und Therapie

Man spricht des Öfteren vom Zerfall der Religionen. Man wähnt, einen globalen sozialen Wandel erkannt zu haben. Doch das Phänomen wird falsch verortet. Richtig wäre, den Zerfall der Religionen zu lozieren allein dort, wo Therapiesysteme expandieren. Andernorts wäre es, allen Beobachtungen zufolge, wohl eher angemessen, von einem Erstarken der Religionen zu reden. Therapeutische Verfahren jedoch lösen dort, wo sie zur Anwendung kommen, religiöse Praktiken des strategischen Identitätsmanagements ab. Sie lösen die religiös institutionalisierten Selbstthematisierungsmodelle ab. Dabei bleibt die funktionale Ausrichtung der Systeme freilich gleich. Beiden, den Religionen als auch den Therapieverfahren, geht es darum, sich um den psychischen Leidensdruck zu „kümmern“ bei Personen, welche nicht imstande sind, diesen Leidensdruck mit eigenen Mitteln zu verwalten. „Religion und Therapie“ weiterlesen

Sauberer Sport und hybride Athleten

Offensichtlich flächendeckendes Doping im Leistungs- und Hochleistungssport kann die Forderungen nach einem „sauberen“ Sport nicht eindämmen. Auf die Differenz von „sauberem“ und „unsauberem“ Sport wird der Moralcode gut/schlecht appliziert. Nur ein Sport, welcher als „sauber“ gilt, darf damit rechnen, weiterhin von Sponsoren, Medien und großen Publikumsmassen getragen zu werden. Doch hinter der Ideologie des „sauberen“ Sports steckt ein Ensemble von Denkschemata, welche – gelinde gesagt – als unzeitgemäß gelten dürfen. Längst zieht sich ein Netz von Assoziationen zwischen Mensch und Medizin bzw. Mensch und Chemie durch die Gesellschaft, welches die Kategorie des Humanen überhaupt in Frage stellt. „Sauberer Sport und hybride Athleten“ weiterlesen

Zum Habitus des Berufswissenschaftlers

Wenn man die Prinzipien der Athletik auf das Feld der Wissenschaft überträgt, geraten einige, zumeist verborgenen Funktionsprinzipien dieses Feldes in den Blick. Wie der Läufer Kilometer sammelt und Fitnesspotentiale akkumuliert, so sammelt der an Theorie orientierte Wissenschaftler Textmengen unter dem Ziel, neben den externen Wissensarchiven gleichsam ein „internes“ Archiv, einen Speicher konzentrierten Wissens anzulegen. Berufstheoretiker messen ihre Kondition, ihr „In-Form-Sein“ daran, in den Sprachspielen der eigenen Themenressorts Virtuositätssteigerungen anderer Wissenschaftler kontern zu können, um auf dem Markt der Glaubwürdigkeitszuteilung möglichst große Anteile abgreifen zu können. „Zum Habitus des Berufswissenschaftlers“ weiterlesen

Fake-News als alter Traum der Wissenschaft

Innerhalb der Medienethik stellt der Konstruktivismus ein bedeutendes Theoriemodell dar. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden Konstruktivisten nicht müde, zu betonen, dass es eine Pluralität an Wirklichkeitskonstruktionen und -entwürfen bedürfe. Damit wurde eine starke Opposition eingenommen zu einer Position, welche davon ausgeht, es gäbe so etwas wie eine allgemeine Wahrheit. Demokratie lebt, schrieb Bernhard Pörksen noch im Jahr 2014, „von alternativen, von konkurrierenden Wirklichkeitsentwürfen, die nicht verabsolutiert werden dürfen.“ (Pörksen, Konstruktivismus. Medienethische Konsequenzen einer Theorie-Perspektive. Wiesbaden 2014, S. 18).

„Fake-News als alter Traum der Wissenschaft“ weiterlesen

Spülmaschinenkonflikte

Die Spülmaschine ist ein Konfliktauslöser erster Güte. An ihr kristallisieren sich Zank und Zwietracht wie an keinem zweiten Haushaltsgegenstand. Unstimmigkeiten entzünden sich an differenten Vorstellungen über die sachgemäße Erreichung der beiden Zielgrößen des Spülmaschinenbetriebs: Packdichte und Sauberkeit. Es soll möglichst viel in die Spülmaschine, doch mit zunehmender Packdichte überlagern sich die zu spülenden Gegenstände und können nicht hinreichend gereinigt werden. In zumeist gleichbleibender Besetzung treten die Streitpartner dann jeweils für den Designationswert Sauberkeit ein und erwehren sich einer zu hohen Packdichte – oder eben umgekehrt. Einer platten Intuition folgend würde man dann mutmaßen, dass Männer eher auf Packdichte setzen, während Frauen für Sauberkeit eintreten und allzu gewagten, verschachtelten Aufbauten von verschmutzten Küchengegenständen eher skeptisch gegenüberstehen. Dabei besteht das Risiko einer zu hohen Packdichte einzig im Überbleiben kleiner, mit dem Fingernagel leicht zu entfernender Knusen an wenigen Geschirrstücken. Das Risiko einer allzu strikten Sauberkeitsdoktrin dagegen besteht schlicht darin, ein wenig schmutziges Geschirr auf die jeweils nächste Spülfuhre aufschieben zu müssen. Diese offensichtlich gänzlich harmlosen Risiken sind kaum in ein Verhältnis zu setzen mit der aggressiven Leidenschaftlichkeit und Konstanz der Konflikte um die Spülmaschine. So steht zu vermuten, dass gerade in gut funktionierenden Paarbeziehungen, in denen substantielle, personenbezogene Streitanlässe überwiegend fehlen, die Spülmaschine zur Konsolidierung eines Streitgegenstandes herangezogen wird, anhand dessen Disharmonien provoziert werden können, an deren raschen Ausräumung man dann wiederum beweisen kann, wie harmonisch die Beziehung ist.

Zur Ethik des Rülpsens

Rülpser sind „schmutzige“ Episoden in der Kommunikation. Lautes Aufstoßen stellt nicht einfach bloß eine physiologische Funktion dar. Absichtliches Rülpsen signalisiert einen couragierten Sinn für Frechheit. Damit haben alle Angehörigen legitimer Geschmackskulturen nie etwas anfangen können. Der Rülpser bildet eine Art des Argumentierens, welche die Grundsätze seriöser Diskursführung transzendiert. Während Benimmnormen zur Disziplinierung anhalten, bildet der Rülpser im Verbund mit dem Furz die emanzipatorische Widerstandsfront gegen das abgekarterte Spiel der Selbstdressur. Die Resistance der Frechheit bemüht sich um eine Revitalisierung der Kultur. Frei ist, wer auch rülpst, wenn der Professor im Büro ist. Der rülpsende Ironiker hat ein Kontingenzbewusstsein erlangt, dass ihn gegenüber der organisierten Ernsthaftigkeit seiner unfreien Mitmenschen in ein Milieu wohltuender Entkrampfung aussetzt. Gerülpst und gefurzt wird, um sich gleichsam behaglichen Lockerungsübungen hinzugeben. Wer sich dieser Annehmlichkeiten widmet, macht sich zum Hofnarr „hoher“, „gepflegter“ Gesellschaften. Rülpser sind dann auch Irritationsquellen, Respektsverweigerungen. Sie bilden eine taktlose Alternativkommunikation, welche sich „von unten“ gegen jede Form stratifikatorischer Ordnung richtet. Den verkrampften Angehörigen legitimer Geschmackskulturen mag sich nicht erschließen, dass sich hinter Rülpsern und Fürzen ein subversives, hochreflektiertes Bewusstsein verbergen kann, dass für sich selbst längst eine divergente Sozialordnung ausgemacht hat. Rülpser sind die Strategen einer frechen Aufklärung, einer Gegenkultur, welche das Zwangsverhältnis der Sitten zugunsten einer schwarzen Moral auflösen.

Sadismus und Männlichkeit

Männliche Härte im Spannungsfeld zwischen Naturtatsache und kultureller Performanz wird, in „Unterschichten“ zuvörderst, unter Authentizität verbucht unter Absehung freilich kultureller oder milieubedingter Konfigurationen. Die männliche Identität ist umso mehr Effekt diskursiver Praktiken, je mehr sie auf Naturwüchsigkeit beharrt. Aus der Hegemonie dieses Diskurses entsteht eine gefährliche, „phallogozentristische“ Praxis, die, so möchte man sagen, die Übel dieser Welt beherbergt.

„Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der – wie die Psychologie dartat – mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen Schmerz und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen mußte.“ (Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: Heydorn; Simonsohn; Hahn; Hertz (Hrsg.), Zum Bildungsbegriff der Gegenwart, FfM 1967, S. 117) „Sadismus und Männlichkeit“ weiterlesen

Aufmerksamkeitsökonomie der Werbung

Werbung strebt die Produktion von Aufmerksamkeit an und übernimmt die soziale Funktion, Teilnahmebereitschaften zu steigern (vgl. Zurstiege, Werbeforschung, Konstanz 2007, S. 44 ff.) – zumeist Teilnahmebereitschaftssteigerungen an bestimmen Kauf- und Konsumhandlungen. Es ist nicht die einmalige werbliche Kommunikation, welche eine spontane Veränderung bestimmter Meinungen und Einstellungen auslöst. Es ist die wiederholte, zigfache Rezeption werblicher Kommunikation, welche eine allmähliche Verschiebung von Präferenzen zugunsten eines bestimmten Produkts oder eines bestimmten Verhaltens auslöst. Neben werbebedingten Reaktionen innerhalb bestimmter Handlungszusammenhänge wirkt Werbung als mächtiger Kulturfaktor.

„Aufmerksamkeitsökonomie der Werbung“ weiterlesen

Virtuelle Lebenswelten

Der Mensch ist das mit der Technologie verschmelzende Tier. Dabei wird die Idee des Menschen obsolet. Cyborgs betreten das Feld – zumeist in Form von Einheiten aus Mensch und Smartphone. Zunehmend übernimmt letzteres das “Denken”.

„As computational resources are increased, systems’ architectures naturally progress from stimulus – response, to simple learning, to episodic memory, to deliberation, to meta-reasoning, to self-improvement and to full rationality.“ (Omohundro, Autonomous technology and the greater human good, in: Journal of Experimental & Theoretical Artificial Intelligence, 2014, S. 4)

Der Mensch ist ein langsamer, irrationaler und fehlerhafter Entscheider. Gegenüber der Technologie erscheint er schlicht als veraltetes Model. Er flüchtet sich zurecht in die Technologie. Er erwartet von ihr mehr als von anderen Menschen (vgl. Turkle, Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other, New York 2011). Er interagiert mit sozialen Robotern, Substituten des Menschen, oder mit Cyborgs, doch immer weniger mit seinesgleichen. Virtuelle Welten bilden die eigentliche Lebenswelt. Hier stößt er auf eine resonante Welt, eine Welt voller vermeintlicher Anerkennung – und auf eine Welt, in der er so sein kann, wie er sein möchte.

„Virtuelle Lebenswelten“ weiterlesen

Kunst als Langeweile

„Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht.“ (Adorno, Ästhetische Theorie, FfM 1970, S. 9)

Kunst hat es schwer. Adorno eröffnet die Ästhetische Theorie nicht grundlos mit jenen pessimistischen Worten. Als ein Medium unter vielen bietet Kunst nur sehr zurückhaltend Chancen für Anschlusskommunikation. Für manche Kunstwerke wird allein noch durch Museen eine Plattform geschaffen. Zur Folge hat dies, dass ästhetische Theorien zur Legitimation von Kunst diese als sozial funktionslos beschreiben, um so tun zu können, als sei Kunst das letzte soziale Reservoir für moralische Integrität.

„Kunst als Langeweile“ weiterlesen