Reden und Schweigen

„Du verläßt die Universität. Du gehst zu einer Dinnerparty. Es gibt eine Gesprächspause. Schnell, irgendwer, sage etwas, irgend etwas, bevor eine angsterregende Realität Platz greift. Schnell, vertusche sie, lenke uns ab von ihr, lasse die Unterhaltung weitergehen.“ (Spencer-Brown, Dieses Spiel geht nur zu zweit, Soltendieck 1994, S. 94)

Woher diese Angst vor dem Schweigen? Genau genommen geht mit dem Schweigen die Unterhaltung weiter. Watzlawicks erstes Axiom (vgl. Watzlawick, Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien, Bern 1969) besagt es; man kann nicht nicht kommunizieren – auch wer schweigt, kommuniziert. Auch Schweigen ist Verhalten, und man kann sich nicht nicht verhalten. Und Schweigen kann nur, wer kommunizieren könnte. Das eine ist nicht ohne seine Gegenseite denkbar. „[…] kontrollieren kann sein Sprachverhalten nur, wer auch schweigen kann.“ (Luhmann, Soziale Systeme, FfM 1984, S. 209) Während aber das Schweigen bzw. die nicht-sprachliche Kommunikation etwa in Intimbeziehungen ein funktionierendes reziprokes Wechselspiel von idiosynkratischer Weltbestätigung, ein funktionierendes Wechselspiel ständigen Schonverständigtseins und damit eine funktionierende Liebesbeziehung andeutet, wirkt es in nicht-intimen Gesprächssituationen unter Anwesenden als Störfaktor. In der Liebe kann Kommunikation unter weitgehendem Verzicht auf Kommunikation intensiviert werden.

„Sie [die Liebe] bedient sich weitgehend indirekter Kommunikation, verläßt sich auf Vorwegnahme und Schonverstandenhaben. Sie kann durch explizite Kommunikation, durch Frage und Antwort, geradezu unangenehm berührt werden, weil damit zum Ausdruck kommt, daß etwas sich nicht von selbst versteht.“ (Luhmann, Liebe als Passion, FfM 1982, S. 29)

In nicht-intimen Gesprächssituationen jedoch wird Kommunikation durch Schweigen extensiviert. Man „hat sich nichts zu sagen“, obwohl gefordert ist, „sich etwas zu sagen zu haben“. Die Beteiligten wissen, dass die Beteiligten wissen, dass Schweigen Disharmonie kommuniziert. Erst, wenn das Schweigen „gebrochen“ wird und die Gesprächspause ein Ende findet, wird die selbst erzeugte Unsicherheit reduziert. Die Differenz von Reden und Schweigen wird derart zu einer Art Zweitcodierung von Kommunikationssystemen, welche in Beziehung steht zur Absicherung von Erwartungen – Gesprächsfortsetzung – gegen Enttäuschungen – Gesprächspausen. Die Zurücknahme von geschehener Enttäuschung geschähe durch den re-entry; durch das Reden über die Differenz von Reden und Schweigen.

„Die Interpretation des Schweigens dient der Autopoiesis der Kommunikation, sie wird rekursiv an das Netz angeschlossen, das heißt eingeschlossen.“ (vgl. Luhmann; Fuchs, Reden und Schweigen, FfM 1989, S. 19)

Heidegger fragt, „wer vermochte es, einfach vom Schweigen zu schweigen?“ (Heidegger, Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 1959, S. 144), doch in den seltensten Fällen wird die ungemütliche Metakommunikation, welche durch Schweigen entstand, retroaktiv in den Diskurs eingeholt. Geradezu unnötig wird dies plötzlich, zeigt sich das Schweigen weniger als Verlegenheit, denn als Gesprächsverweigerung.

„Immer wenn kommuniziert wird, liegt also die Betonung darauf, daß kommuniziert wird. Nichtkommunikation wäre paradoxe Kommunikation, nämlich Kommunikation der Nichtkommunikation, und das Paradox würde typisch als Verweigerung interpretiert und dadurch in die Form absichtlicher Kommunikation gebracht werden – mit gravierenden Folgen für den, der eigentlich nur in Ruhe gelassen werden wollte. In unsere Begrifflichkeit übersetzt: die Autopoiesis der Kommunikation, nämlich daß sie überhaupt stattfindet, ist zugleich Thema der Metakommunikation und zumeist auch eine kommunale Norm, der man sich schwer entziehen kann – es sei denn auf ganz einfache Weise durch Abwesenheit. Wer aber anwesend ist, hat sich an Kommunikation zu beteiligen, auch wenn er nichts zu sagen weiß. Dann kann es auch nicht so sehr auf Information ankommen, sondern vielmehr darauf, daß die Kommunikation überhaupt in Gang gehalten wird.“ (Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, FfM 1997, S. 250)

Schweigen spezifiziert sich ex negativo an Normen „gelingender“ Metakommunikation. Unter Anwesenden muss gesprochen werden – die Orte, an denen unter unmittelbar Anwesenden geschwiegen werden darf, ohne dass befangene Interpretationskaskaden hinsichtlich der stattfindenden Metakommunikation losgetreten werden, sind durch Institutionalisierung definiert; Wartezimmer, Warteschlangen, Seminarräume etc. Andernorts ist man zum Reden verdammt – oder sollte man besser sagen, zum Gerede verdammt? Nicht grundlos lag für Lacan gerade im Schweigen die Bedingung der Möglichkeit der „parole pleine“ (vgl. Lacan, Seminar 1. Freuds technische Schriften, Berlin 1990). Diese bricht die imaginäre Oberflächenkommunikation zum Symbolischen, zum großen Anderen hin auf, um die Struktur des Unbewussten freizulegen. Nur in sprachlichen Brüchen, metaphorischen Verwerfungen oder eben im Schweigen ist diese zugänglich. Hier greifen dann plötzlich ganz andere angsterregende Realitäten Platz, als jene, welche Spencer-Brown im Sinn hatte. Obgleich das Kredo bleibt: „Schnell, vertusche sie, […] lasse die Unterhaltung weitergehen.“