Zur Soziologie des Hochstapelns

„Der Imperativ: ‚Du mußt dein Leben ändern!‘ impliziert […]: sich selbst an die Hand nehmen, um aus dem eigenen Dasein einen Gegenstand der Bewunderung zu formen.“ (Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main 2009, S. 512)

„Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, daß ich aus edlerem Stoffe gebildet oder, wie man zu sagen pflegte, aus feinerem Holz geschnitten war als meinesgleichen, und ich fürchte dabei durchaus nicht den Vorwurf der Selbstgefälligkeit.“ (Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt am Main 1954, S. 18)

In Gesellschaften, in denen alles damit beginnt, dass jeder auf den eigenen Vorteil bedacht ist, und es damit endet, dass man nur noch in der Weise der Verdrängungs- und Vernichtungskonkurrenz handelt, scheint es nur naheliegend, dass nah- sowie außerlebensweltliche Beziehungen, und zwar im Besonderen jene zwischen Männern, ein stetes, gegenseitiges Abtasten darstellen. Es gibt gewissermaßen stillschweigend ablaufende Prüf- und Taxierungsroutinen, welche alle Personen, mit denen interagiert wird, in relevanten, variablen Kriterien evaluieren und auf einer Vertikalskala zwischen einem attraktiven Oben- und einem verächteten Unten-Pol verzeichnen. Der harsche Konkurrenzhabitus, welcher Formen der Rücksichtnahme und Achtsamkeit regelrecht verbietet, wird, um nicht als solcher erkannt zu werden, von Phantasien und Illusionen überdeckt, welche als soziale Funktionsprinzipien ausgegeben werden. Es gibt dann idealtypische Parolen, mit denen das soziale Kampfgeschehen überdeckt wird. Dazu gehört etwa die Bekundung, dass man eine bestimmte Sache „für sich selbst tue“, Sport etwa, kulturelle Aktivitäten, Aufwendungen für Kunst und Bildung etc. Hinter den illusorischen Drapierungen jener Selbstzweckideologien jedoch lauert ein peinlich plumpes bis hochstaplerisch ausgefeiltes Prestigegebaren, welches rein dazu dient, Anerkennungskredite zu akquirieren. In der soziologischen Theorie hat man dies zu greifen versucht, sich jedoch, so scheint es, nie richtig getraut, das wahre Ausmaß dieses sozialen Herbeischaffungszwangs von Anerkennung zu beschreiben. Von Rousseaus Zivilisationstheorie, welche bereits die Geltungssucht von kompetitiv agierenden Menschen beschreibt, über Rosas Akzelerationstheorie, welche herrschende Tempoideologien aufdeckt, über Honneths moralische Grammatik sozialer Konflikte bis hin zu Sloterdijks Ausführungen über Anthropotechniken und Vertikalspannungen und Bourdieus Feldtheorie hat eigentlich nur letzterer konsequent beschrieben, dass der Kampf um Anerkennung, Ansehen, Bewunderung, Würdigung und Ehre der Algorithmus des Sozialen schlechthin ist, und zwar auch an Stellen, an denen dies hartnäckig geleugnet wird. Das Prinzip des ökonomischen Knappheitsausgleichs beherrscht die Anerkennungsmärkte, egal ob an den Universitäten, in Unternehmen, in der Kunst oder dem Sport. Es finden überall Wettstreite statt, Kämpfe um die Wahrung und Verbesserung der sozialen Position. Dabei darf, gerade in nahweltlichen Beziehungen zwischen Männern, die Bedeutung lügenhafter Kommunikation nicht unterschätzt werden. Die Lüge nimmt typischerweise die Form von Hyperbeln an. Was man berichtet, was nicht unmittelbar überprüft werden kann, wird mit allerlei Übertreibungen ausgeschmückt, dramatisiert, überspitzt, theatralisiert. Versierte Hochstapler wissen, Übertreibungen maximal zu belasten, jedoch ohne dabei sozusagen in plattes und damit verdächtiges Prahlen oder Strunzen abzudriften. Hochstapler schwingen sich auf in die Sphäre des notorisch Ungewöhnlichen. Die Abscheu vor dem bloß Durchschnittlichen, Massenhaften treibt dazu, qua einer gezielten, jedoch unehrlichen, wichtigtuerischen Eindrucksmanipulation die eigene Identität mit Bewunderungsmomenten auszukleiden.