Zum Habitus des Berufswissenschaftlers

Wenn man die Prinzipien der Athletik auf das Feld der Wissenschaft überträgt, geraten einige, zumeist verborgenen Funktionsprinzipien dieses Feldes in den Blick. Wie der Läufer Kilometer sammelt und Fitnesspotentiale akkumuliert, so sammelt der an Theorie orientierte Wissenschaftler Textmengen unter dem Ziel, neben den externen Wissensarchiven gleichsam ein „internes“ Archiv, einen Speicher konzentrierten Wissens anzulegen. Berufstheoretiker messen ihre Kondition, ihr „In-Form-Sein“ daran, in den Sprachspielen der eigenen Themenressorts Virtuositätssteigerungen anderer Wissenschaftler kontern zu können, um auf dem Markt der Glaubwürdigkeitszuteilung möglichst große Anteile abgreifen zu können.

„Indem ich den Akzent auf den Übungsaspekt des menschlichen Daseins setze, trage ich der scheinbar trivialen, in Wahrheit unabsehbar folgenschweren Tatsache Rechnung, daß alles, was Menschen tun und können, mehr oder weniger gut gekonnt wird und besser oder schlechter getan wird. Stets sind die Könner und Täter in ein spontanes Ranking des Besser- oder Schlechter-Könnens und -Tuns einbezogen – ich beschreibe Differenzen dieser Art als Ausdruck der für die menschliche Existenz konstitutiven Vertikalspannung. Ein erster Zugang zum Phänomen der unwillkürlichen Vertikalität ergibt sich aus der von mir zugrunde gelegten technischen Definition des Übens: Bei jedem übenden Verhalten wird eine Handlung so ausgeführt, daß ihre jetzige Ausführung ihre späteren Ausführungen mitkonditioniert. Man könnte daher sagen: Alles Leben ist Artistik, obschon nur der geringste Teil unserer vitalen Äußerungen als das wahrgenommen wird, was sie seit jeher sind – Resultate von Übung und Elemente eines modus vivendi der sich auf dem Hochseil der Unwahrscheinlichkeit abspielt.“ (Sloterdijk, Scheintod im Denken, Frankfurt am Main 2010, S. 19)

In diesem Sinne sind theorieorientierte Wissenschaftler Hochleistungsasketen, welche sich in ihre eigene Welt absetzen, um daselbst intensive Lese- und Textaneignungstrainings abzuhalten, um anschließend in den Wettkampfarenen der Konferenzen, Seminare, Kommissionen und Alltagsgespräche durch Geltendmachung der eigenen Exzellenz Prestigekredite abgreifen zu können, welche als Überzeugungsmedium eingesetzt werden können. Daneben gleicht der Wissenschaftsbetrieb, darin dem Feld des Leistungssports ähnlich, einem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Hinter der Fassade schöngeistiger Sprachspiele jedoch tobt ein Kleinkrieg, in welchem sich die Opponenten der theorietreibenden Klasse weniger wahre Anerkennung zollen als vielmehr Missgunst gegeneinander hegen.