Fake-News als alter Traum der Wissenschaft

Innerhalb der Medienethik stellt der Konstruktivismus ein bedeutendes Theoriemodell dar. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden Konstruktivisten nicht müde, zu betonen, dass es eine Pluralität an Wirklichkeitskonstruktionen und -entwürfen bedürfe. Damit wurde eine starke Opposition eingenommen zu einer Position, welche davon ausgeht, es gäbe so etwas wie eine allgemeine Wahrheit. Demokratie lebt, schrieb Bernhard Pörksen noch im Jahr 2014, „von alternativen, von konkurrierenden Wirklichkeitsentwürfen, die nicht verabsolutiert werden dürfen.“ (Pörksen, Konstruktivismus. Medienethische Konsequenzen einer Theorie-Perspektive. Wiesbaden 2014, S. 18).

Im Konstruktivismus gibt es kein emphatisches Wahrheitsideal mehr. Dogmatischen Wirklichkeitsauffassungen muss eine Absage erteilt werden. Konstruktivistische Ethik, so eine weitere Regel, ist eine Ethik zweiter Ordnung, welche nur „von oben“ Argumentationsketten beobachtet, ohne dabei selbst ethische Absichten zu realisieren. Es sollen keine konkreten Vorgaben gemacht werden. „Das Interesse an Differenz und das Bewusstsein für die Pluralität von Wirklichkeiten sind jene Denkfiguren“, so Pörksen in einem weiteren Text, die „Orientierung liefern.“ Schließlich kommt die klare Vorgabe: „[…] bewahre oder steigere die Pluralität der Wirklichkeitsentwürfe.“ (Pörksen, Konstruktivismus, in: Schicha, Brosda (Hrsg.): Handbuch Medienethik. Wiesbaden 2010, S. 64). Heutzutage haben sich die Forderungen, welche konstruktivistische Medienethiken immer gestellt haben, zur Gänze realisiert. Und es ist der blanke Horror. Jetzt, wo man schlauer ist, traut sich freilich niemand mehr, die „Pluralität der Wirklichkeitsentwürfe“ zu lobpreisen. Die Pluralität der beliebigen Wirklichkeitsentwürfe, welche sich in die Köpfe der Menschen prägen, sind verzerrte, falsche, ideologisch verdrehte Nachrichten. Der Begriff, den man heutzutage für die Wirklichkeitsentwurfspluralität gefunden hat, lautet „Fake-News“. Wovon die konstruktivistische Medienethik immer geträumt hat, hat sich realisiert – und es zersetzt reihenweise die Demokratien. Um die freien Demokratien zu retten, braucht es die Wiedergewinnung allgemeiner Wahrheiten, damit es gemeinsame Wirklichkeitsgrundlagen gibt, an denen Diskussionen ansetzen können. Unwahrheiten verbreiten sich, wie durch Untersuchungen immer wieder bestätigt wird, im Rahmen digitaler sozialer Netzwerke stets rascher, als Wahrheiten (Vosoughi et al., The spread of true and false news online. In: Science (New York, N.Y.) 359 (6380), 2018, S. 1146–1151). Dem muss entgegen gesteuert werden; mit modifizierten Algorithmen, mit einer neuen Medienbildung und der Adaption gewisser journalistischer Grundsätze eines jeden Social-Media-Nutzers. Wozu „Fake-News“ geführt haben, sind regellos, ungezügelt geführte Konflikte, in denen es eine starke Polarisierung zwischen politischer Rechter und Linker gibt. Auch davon wurde einst geträumt. Chantal Mouffe stieß sich einstmals an der Auflösung der politischen Kategorien „Rechts“ und „Links“.

„This is why I put special emphasis on the negative consequences of envisaging the ideal of democracy as the realization of a ‚rational consensus‘ and on the concomitant illusion that left and right have ceased to be pertinent categories for democratic politics. I am convinced, contrary to the claims of third way theorists, that the blurring of the frontiers between left and right, far from being an advance in a democratic direction, is jeopardizing the future of democracy.“ (Mouffe, The Democratic Paradox, London 2000, S. 7)

Mouffes Kritik war, dass es keine richtigen Alternativen mehr in der Politik gäbe. Heute gibt es die Konfrontation, die Kontroverse, die miteinander unvereinbaren Positionen, welche Mouffe sich so sehr erhoffte. Wovon Mouffe träumte, hat sich realisiert. Fake-News und digitale soziale Netzwerke inklusive ihrer Tendenz, Inhalte zu verbreiten, welche sich als Nachrichten ausgeben, ohne dabei auch nur im Geringsten journalistischen Standards zu genügen, haben die Konflikte und die Alternativen herbeigeführt. Und die Alternativen zur Demokratie werden sukzessive verwirklicht.